Our Entangled Hearts

In diesem kleinen Spin-Off begleiten wir Xander und Ben auf ihre erste gemeinsame Urlaubsreise – es geht nach Japan und Chaos ist vorprogrammiert:

PDF – MOBI – EPUB

Our Entangled Hearts

Gemeinsame Urlaube waren Bewährungsproben für jede Beziehung – zumindest hatte Ben, wenn er sich seinen Bekanntenkreis ansah, diesen Eindruck gewonnen.

Gut, Bekanntenkreis war übertrieben. Er war schon immer eher der Einzelgänger gewesen und im College hatte er es bisher verpasst, Bekanntschaften oder gar Freundschaften mit seinen Kommilitonen zu schließen. Nach den Ferien hörte er die Geschichten in der Cafeteria, wenn Cliquen sich schnatternd wieder auf den neuesten Stand brachten. Geschichten von Beziehungen, die daran gescheitert waren, zwei, drei Wochen abseits des Alltags miteinander zu verbringen. Manchmal lauschte er Geschichten von Beziehungen, die durch die gemeinsame Zeit nur noch inniger geworden waren. Aber immer hatte der Urlaub die Beziehung in den Grundfesten erschüttert und das Paar war verändert daraus zurückgekehrt.

Er kannte niemanden davon näher, hatte immer nur zufällig kleinen Ausschnitten ihres Lebens gelauscht, aber so wie es sich häufte, musste doch etwas dran sein. Auch wenn er bei den meisten nicht wusste, wie es nach dem kleinen Ausschnitt weitergegangen oder was vor dem Urlaub schon vorgefallen war.

Das alles war auch gar nicht wichtig, wichtig war nur, dass sich etwas verändern musste zwischen Xander und ihm und dieser unwahrscheinlichen, wenn nicht unmöglichen Sache zwischen Ihnen.

(Manchmal, wenn Xander neben ihm im Bett schlief, und Ben von Gedanken getrieben wach lag, erschien es ihm realistischer, dass er den Verstand verloren hatte und mit Medikamenten vollgepumpt in so einer schaurigen Gummizelle saß, wie man sie aus alten Filmen kannte. In welcher Welt war es schon realistisch, dass sich ein makellos schöner Mann wie Xander jemals für eine langweiligen Normalo wie ihn interessierte?) 

Er musste herausfinden, ob sie mehr sein konnten. Ein richtiges Paar. Wenn nicht, dann musste er einen Schlussstrich ziehen. Er wollte mehr, brauchte mehr als das, was sie gerade hatten.

Ben setzte sich im Bett auf, leckte sich über die Lippen und sah Xander an, der so tat, als würde er noch schlafen. »Lass uns zusammen in Urlaub fahren.«

Xander schlug ein Auge auf, sah zu ihm auf. »Pfft, das ist Pärchenkram und wir sind kein Paar.«

Mit der Antwort hatte Ben gerechnet und deswegen passte sie zu dem Plan, den er sich in den letzten Wochen immer wieder im Kopf zurechtgelegt hatte, bis er jede denkbare Eventualität berücksichtig hatte. »Ach? Nicht? Und was tust du dann in meinem Bett?«

Xander stützte den Kopf auf einen Arm auf und sah Ben mit Schlafzimmerblick an. Seine Haare waren zerzaust, eine Seite seines Gesichts vom Kissen noch zerknautscht. Dennoch sah er so aus, als würde er gerade für das Cover eines Hochglanzmagazins posieren. »Wir haben Sex, wenn es sich ergibt. Ich verbringe ganz gerne Zeit mit dir. Aber … Das ist nicht das Gleiche.«

Immer noch lief es nach Plan. Ben räusperte sich und rezitierte den Teil, den er so lange auswendig gelernt hatte, bis er ihm so locker über die Zunge rollte, wie es am besten zu der Situation passte. »Und es ergibt sich, dass du mehrmals im Monat von L.A. aus nach New York fliegst? Und dann zwei Stunden in das ›hinterwäldlerische Kuhkaff‹ fährst, in dem ich studiere? Dass ich in den Ferien immer bei dir in L.A. wohne, ergibt sich auch? Seit fast einem Dreivierteljahr? Einfach so?«

Xander presste die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen und zwischen seinen Augenbrauen bildete sich die verräterische Furche, die unmissverständlich anzeigte, wenn er seine Felle davonschwimmen sah. »Wir sind kein Paar.«

»Glaub ich nicht. Du willst es dir nur nicht eingestehen.«

Xander seufzte. »Und du willst dir nicht eingestehen, dass das zwischen uns nichts bedeutet. Dass die Tatsache, dass ich gerne mit dir Sex habe und, ja, dafür auch in dieses …« – er machte eine ausladende Geste – »… hinterwäldlerische Kuhkaff fahre, dass das alles nicht bedeutet, dass wir zusammen sind. Ich will ja nicht behaupten, dass da keine Anziehung zwischen uns ist. Dass du mir vollkommen gleichgültig bist. Aber …« Er zog seine Stirn in Falten und sein Blick wurde ein paar Wimpernschläge lang unfokussiert. »Als das mit uns anfing …«

»Unsere Nicht-Beziehung?«

»Genau, ich habe dir gesagt, dass ich im Moment keine feste Beziehung haben möchte. Dass ich nicht bereit dafür bin, mich neu zu verlieben.«

»Das war vor einem Dreivierteljahr und … ob man sich verliebt oder nicht, das ist keine Entscheidung.« Sonst hätte Ben sich wahrscheinlich niemals in Xander verliebt. Sonst hätte er sich einfach wieder entliebt, nachdem Xander ihm das Herz gebrochen hatte, statt es noch einmal mit ihm zu versuchen. Mit offenen Karten und in der Hoffnung, dass mehr aus ihnen wenn sie beide nur ehrlich waren.

Ben schluckte schwer.

Das war die Stelle, an der alles scheitern konnte. Xander musste nur klipp und klar sagen, dass er nicht in Ben verliebt war. Dass, was auch immer sie seit Monaten zueinander hinzog, etwas anderes als Liebe war. Dann gab es nichts mehr zu argumentieren. Keinen Grund mehr, zu kämpfen.

Schließlich konnte man Gefühle nicht erzwingen. So viel wusste Ben, ganz gleich, wie unerfahren er war, dann doch.

Doch Xander erwiderte nichts, blickte Ben nur unverwandt an.

Ben leckte sich über die Lippen. »Ein gemeinsamer Urlaub wäre die beste Gelegenheit, herauszufinden, ob wir vielleicht doch …«

Xander verdrehte die Augen und wedelte mit der freien Hand vor seinem Gesicht, als vertriebe er ein paar Fliegen. »Und wo willst du hin?«

Ben unterdrückte ein Aufseufzen und lächelte breit. »Japan!«

»Japan?«

»Für die Kirschblüten ist es zwar zu spät, aber im Sommer ist es bestimmt auch ganz toll dort. Es gibt so viel faszinierende Kultur, die so ganz anders ist als unsere westliche. Die Landschaft ist wunderschön. Die alten Burgen, Schreine und Tempel. Es gibt so viel zu sehen, dass wir dafür wahrscheinlich ein ganzes Leben bräuchten und selbst dann erst die Hälfte geschafft hätten. Und das Essen erst! So viele leckere Dinge, die ich gerne probieren würde. Shoppen kann man dort auch sehr gut. Die meisten Trends finden dort ihren Anfang!« Shopping war ihm zwar gleich, aber Xander interessierte sich für Mode und Einrichtung und würde sicher irgendetwas für sich finden. »Ich habe schon seit Jahren für eine Reise dorthin gespart. Und …«

Xander legte ihm einen Finger auf die Lippen. »Du musst dich gar nicht so sehr anstrengen, mich zu überzeugen. Ich wollte auch schon immer mal nach Japan. Also, so richtig.« Er rollte sich auf den Rücken. »Für ein paar Fashion Shows war ich in Tokyo. Und für eine Werbekampagne. Aber wirklich gesehen habe ich nichts. Selbst fürs Essen war nicht viel Zeit. Tokyo ist so eine hektische, vollgestopfte Stadt.« Er warf Ben einen Seitenblick zu. »Ich weiß nicht, ob es die richtige Stadt für dich ist. Mit den vielen Menschen dort.«

Hitze schoss Ben in die Wangen. Eine Mischung aus Scham und Rührung – Xander hatte nicht vergessen, dass Menschenmengen bei ihm Panik auslösten. Dass es jedes Mal eine Bewährungsprobe war, zum Flughafen zu fahren, um Xander zu treffen. Auch wenn es ihm mit jedem Mal leichter fiel. »Ich hatte eher an Osaka gedacht. Und Kyoto. Die alte Hauptstadt.«

Xander grinste. »Ich weiß.«

»Da ist alles wahrscheinlich auch voller Menschen, aber sicher nicht so schlimm wie Tokyo.«

Xander nickte und ließ seine Zähne aufblitzen. »Gefällt mir. Und da es deine Idee ist, kümmerst du dich auch um alles und lädst mich ein?«

Verlegen rieb Ben sich über den Nacken. »Ich hatte gedacht, wir teilen uns das und …«

»Das war nur ein Scherz. Ich weiß, wie teuer Japan ist und dass du nur ein armer, kleiner Student bist. Ich bezahl schon brav meinen Anteil.«

»Ich hab auch schon alles organisiert.« Er lehnte sich über den Rand des Bettes und zog einen Ordner aus dem untersten Fach seines Bücherregals hervor. »Wir müssen nur noch buchen.«

* * *

Zeit war ein seltsames Konstrukt. Wenn man sie brauchte oder sie genoss, zerrann sie zwischen den Fingern wie Sandkörner. Dagegen, wenn man wartete, dann war sie schwer und erdrückend wie ein Findling, den man einen Berg hinauf rollen musste.

Die Zeit, die zwischen dem Tag vergangen war, an dem Ben seinen Wunsch ausgesprochen, und dem, an dem die Reise endlich begann, war eine seltsame Mischung aus beidem gewesen. Die Vorbereitungen, die sich mit Vorfreude mischten, verschlangen so viel Zeit, dass Ben gar nicht dazu kam, all das zu erledigen, was er erledigen wollte. Wenn er allerdings abends vom Tagwerk erschöpft und zu schlapp, um noch irgendetwas zu tun, in seinem Bett lag, dann schien der Zeiger der Uhr Ewigkeiten für jede Minute zu brauchen und Stunden schienen zu vergehen, in denen Ben darauf wartete, endlich einzuschlafen. Zu viele Gedanken schwirrten in seinem Kopf und in den stillen, einsamen Momenten waren es die Sorgen, die überhand gewannen.

Bei den Kosten für den Flug war Ben schwindelig geworden. Er hatte gewusst, dass eine Reise nach Japan nicht billig werden würde, aber der Flug allein fraß bereits den Großteil seines Budgets auf. Xander hatte nur müde mit den Schultern gezuckt – wahrscheinlich bezahlte er so etwas aus der Portokasse. Bei dem kleinen Apartment im Stadtzentrum von Osaka hatte Ben dagegen ein richtiges Schnäppchen gemacht, auf das er jetzt noch stolz war. Zwei Schlafzimmer – für den Fall, dass sie sich zu sehr auf die Pelle rückten und Abstand brauchten –, eine kleine Küche, ein Wohnzimmer und ein eigenes Bad. Und das Ganze für den gleichen Preis wie ein Bett in einem Hostel, in dem man sich Bad und Zimmer mit zwanzig Leuten teilen musste. Xander hatte anerkennend gepfiffen und ein bisschen Vorfreude schien endlich auf ihn übergesprungen zu sein. Für Bens Geschmack sah er dem Urlaub nämlich viel zu gelassen entgegen, als wäre es das Ordinärste der Welt, nach Japan zu fliegen.

Ben hatte ihnen auch schon einen ausgeklügelten Reiseplan zusammengestellt – sie hatten einen Japan Rail Pass für zwei Wochen und würden in der Zeit einmal quer durchs Land reisen. Von Sapporo im Norden hinab bis Nagasaki im Süden.

Es würde der perfekte Urlaub. Oder zumindest so perfekt, wie ein Aufbruch ins Unbekannte sein konnte.

Doch ganz gleich wie minutiös Ben den Urlaub geplant hatte – und er hatte wirklich auf die Minute genau geplant –, er konnte das Gefühl nicht abschütteln, irgendein wichtiges Detail übersehen zu haben, als sie schließlich am Abend des Abflugtages – ihr Flug würde kurz nach Mitternacht starten – am JFK-Flughafen eintrudelten.

Sein Onkel Charlie setzte sie am Terminal ab. Xander und Charlie waren sich immer noch nicht wirklich grün, aber so langsam hatte sein Onkel sich damit abgefunden, dass Xander nicht so schnell aus Bens Leben verschwinden würde.

Auch wenn diese Reise vielleicht alles änderte.

Zum Abschied sah Charlie Ben streng an. »Pass auf dich auf!«

Ben hatte den Verdacht, dass sich das nicht darauf bezog, dass er in ein fremdes Land auf der anderen Seite der Erdkugel flog, sondern mit wem er das Wagnis unternahm. Er drückte Charlie kurz. »Tu ich. Bis in drei Wochen.«

Drei Wochen! Der Gedanke machte ihn immer noch ganz aufgekratzt. Drei Wochen im Land seiner Träume mit dem Mann seiner Träume!

Wenn das mal kein Alptraum wird …

Sie waren mit drei Stunden Vorlauf am Flughafen angekommen, damit sie nicht Gefahr liefen, den Flug zu verpassen, wenn es an der Gepäckaufgabe und der Security länger dauerte. Xander hatte nur ein ganz kleines bisschen mit den Augen gerollt und verkniff sich wohl auch den bissigen Kommentar, als sie zwei Stunden vor Abflug am Gate saßen.

Ben starrte auf das Rollfeld, auf dem natürlich ihr Flugzeug noch längst nicht stand. Er wippte mit dem rechten Fuß, knetete die Hände. Sein Blick war auf die leere Fläche neben der Fluggastbrücke fixiert, auf der irgendwann in der nächsten Stunde das Flugzeug auftauchen würde, in dem sie die erste große Etappe ihrer Reise verbrächten.

Xander stieß ihm den Ellbogen in die Seite. »Es fällt mir gerade erst auf, aber heute vor einem Jahr, haben wir uns auf einem Flughafen getroffen. Nicht zum ersten Mal, sondern zum zweiten.« Er lachte auf. »Ich hätte nie damit gerechnet, wie viel sich in dem einen Jahr verändern würde.« Er grinste und warf Ben einen Seitenblick zu. »Mit uns beiden hätte ich da noch am wenigsten gerechnet.«

»Ich dachte, wir sind kein Paar?«

»Das hab ich auch nicht behauptet.«

Ben leckte sich über die Lippen. »Ich glaube, letztes Jahr auf dem Flughafen, da hab ich …« Hitze kroch ihm in die Wangen. »Ich will nicht behaupten, dass ich mich da in dich verliebt hätte, aber … der erste Funke ist da übergesprungen.«

»Davon habe ich nichts gemerkt, als du mir wohlverdient eine gescheuert hast.« Xander schloss die Augen, schüttelte den Kopf, aber sein Lächeln wurde ein Stück breiter. »Mal abwarten, wohin uns unsere gemeinsame Reise noch führt …«

* * *

Zuallererst führte ihre Reise sie nirgendwohin.

Als zur angegebenen Boardingzeit noch kein Flugzeug am Gate weit und breit zu sehen war, rutschte Ben auf dem Platz hin und her, beobachtete das Bodenpersonal der Airline, das eilig hin und her lief. 

Schließlich kam die Durchsage. Sie war verrauscht und undeutlich, aber auf dem Bildschirm über dem Gate blinkte es jetzt auch auf. Eine Stunde Verspätung.

Xander schnaubte. »Wie lang war unser Aufenthalt in Seoul?«

»Knapp drei Stunden.«

»Könnte noch klappen.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich hol mir hinten eine Pizza, soll ich dir was mitbringen?«

Ben schüttelte den Kopf. »Beim Start wird mir schnell schlecht. Ich esse erst etwas im Flugzeug.«

Während Xander neben ihm Salamipizza aß, verstrich die Zeit, an der sie voraussichtlich an Bord gehen sollten. Wie ein mahnender Finger zeigte die Fluggastbrücke auf den verwaisten Fleck, an dem das Flugzeug hätte stehen sollen, aber nur gähnende Leere war.

Bei der nächsten Durchsage waren es schon drei Stunden Verspätung. Ein kollektives Aufstöhnen ging durch die Wartenden, einige stießen erboste Flüche aus, zwei kleine Kinder fingen an zu weinen. Schnell bildete sich eine Schlange von Menschen, die wissen wollten, was das für ihre weitere Reise bedeutete. Ben reihte sich darin ein, während Xander auf ihr Handgepäck aufpasste.

Eine nette Stewardess mit einem angestrengten Lächeln beteuerte, dass es kein Problem sei, den Anschluss umzubuchen. Statt morgens würden sie nachmittags von Seoul abfliegen.

Ben war froh, dass er für den ersten Nachmittag in Japan ohnehin nichts geplant hatte, außer ihre Koffer auszupacken und sich mit Lebensmitteln einzudecken.

Lächelnd drückte die Stewardess ihm eine Dose Cola und eine Packung Chips in die Hand und wandte sich dem nächsten Passagier zu.

Inzwischen war es halb drei und Ben bereute es, einen Nachtflug gebucht zu haben, in der Hoffnung, den größten Teil der Strecke einfach verschlafen zu können.

Er ließ sich neben Xander auf die Bank fallen. Der zuckte zusammen und sah sich erschrocken blinzelnd um.

»Braucht der alte Mann seinen Schönheitsschlaf?«, versuchte Ben es mit einem Witz.

Xander ließ sich jedoch nur zu einem schiefen Lächeln herab. »Was hat sie gesagt?«

Ben reichte ihm Chips und Cola. »Den Anschluss umzubuchen war kein Problem. Wir kommen dann Abends in Osaka an und nicht vormittags.«

Xander riss die Chipstüte auf, legte den Kopf in den Nacken und kippte sich ihren spärlichen Inhalt direkt in den Mund. Eine Minute lang war die bleierne Stille zwischen ihnen durch das Knuspern der Chips durchbrochen. Ein paar Krümel klebten an Xanders Wangen, die er sich mit dem Handrücken wegwischte. In Anbetracht, wie viel Fast Food Xander andauernd in sich reinstopfte, fragte Ben sich, wie er es schaffte, seine Modelfigur zu behalten. »Gut, dann dürfte mit dem Apartment ja auch noch alles glattgehen.«

Das Apartment, richtig. Etwas nagte in seinem Hinterkopf.

»Schreib denen am besten, dass wir später kommen. Wann hattest du den Treffpunkt für die Schlüsselübergabe ausgemacht?«

Treffpunkt … Schlüsselübergabe … Das war es, was er vergessen hatte. Und Xander hatte natürlich sofort daran gedacht! Ben hüstelte. »Ich guck kurz mal nach.«

»Du hattest noch gar keinen ausgemacht, oder? Sag nichts, deine Gesichtsfarbe verrät dich.«

Hektisch klickte Ben durch die Buchungsapp, suchte die Bestätigung mit den Kontaktdaten, konnte jedoch keine aktuellen Buchungen entdecken. Ihm wurde heißkalt. Er rief seine E-Mail-App auf, scrollte durch die Nachrichten der letzten Tage – nichts –, dann, einer Ahnung folgend, öffnete er den Spam-Ordner. Drei E-Mails mit Betreffs auf Japanisch aus der letzten Woche, die letzte von heute Mittag.

Er konnte nicht viel Japanisch – genau genommen würde es wahrscheinlich nicht ausreichen, um ein Kinderbuch für Leseanfänger zu entziffern –, den Betreff der letzten Nachricht verstand er trotzdem. Galle stieg ihm in den Mund, die er mühsam herabwürgte. »Das Apartment hat unsere Buchung gecancelt. Heute Mittag.«

Xander saß kerzengerade, sah ihn blinzelnd an. »Das ist nicht witzig.«

»Das ist auch kein Scherz.« Er schluckte. Mit zittrigen Fingern öffnete er die E-Mail, kopierte ihren Inhalt und ließ ihn sich von Google übersetzen. Die Übersetzung war holprig und einige Satzteile ergaben gar keinen Sinn, aber Ben konnte sich genug zusammen reimen. »Der Host hatte mir schon vorher zweimal geschrieben – die Nachrichten sind im Spam gelandet –, um mir zu sagen, dass es einen Wasserrohrbruch in dem Haus gab, und zu fragen, ob wir ein Ersatzapartment wollen.« Er leckte sich langsam über die Lippen. »Aber weil ich mich nicht gemeldet habe …« Tränen brannten in seinen Augen und er wischte sie hastig fort.

Halb rechnete Ben damit, dass Xander ihm eine Szene machen würde – er konnte so melodramatisch sein! –, aber er sah ihn nur an, eine tiefe Furche zwischen den Augenbrauen. »Dann halt nicht das Apartment. Osaka ist riesig. Irgendein Hotel wird für die nächsten drei Wochen wohl noch ein Doppelzimmer freihaben.«

Ben nickte und begann, die verschiedenen Optionen durchzugehen, die so kurzfristig noch frei waren. Und nicht komplett sein Budget sprengten. Die hübschen Vier- bis Fünf-Sterne-Hotels, die Xander gewohnt war, fielen raus. Eine Nacht darin kostete so viel, wie das Apartment für drei Wochen. Am Ende blieb nur eine Option übrig, die bezahlbar und gleichzeitig nicht zu schäbig war. Hoffte Ben. »Ich hab hier ein Business-Hotel gefunden, dass noch ein Doppelzimmer frei hat.«

Xander klopfte ihm auf die Schulter. »Dann schlag zu.« Er lächelte dünn. »Für uns geht es jetzt endlich an Bord.«

Überrascht blinzelte Ben, blickte auf die Passagiere, die schon in Reih und Glied am Gate standen und dann auf seine Armbanduhr. Er hatte gar nicht gemerkt, dass bereits weitere drei Stunden vergangen waren. Dass sich der Abflug noch eine Stunde weiter verschoben hatte.

Er klickte auf Buchen, wartete kurz ab, bis er die Bestätigung der App hatte, und schob dann sein Handy in seine Hosentasche.

Auf diesem ersten Abschnitt der Reise war jetzt schon so viel schief gegangen, dass es doch eigentlich nur noch besser werden konnte, oder?

Oder?

* * *

Das Erste, was Ben von Japan sah, war die Abfertigungshalle des Kansai International Airport, in dem erst die Figuren aus Super Mario und dann ein überlebensgroßes Pikachu sie in der Kansai-Region Willkommen hießen.

Unter normalen Umständen hätte Ben bei dem Anblick sehr unmännlich gequietscht, aber er konnte sich gerade nur ein müdes Lächeln abzwingen.

Natürlich war noch viel mehr schiefgegangen. Eigentlich alles, was bei einem Flug schiefgehen konnte. Gut, sie waren nicht abgestürzt oder entführt worden, aber das war es auch schon …

Ihr Sitznachbar auf dem Flug nach Seoul war ein älterer, beleibter Mann und stand gefühlt alle fünf Minuten auf, was nicht so schlimm gewesen wäre, wenn er nicht am Fenster gesessen hätte und Ben und Xander jedes Mal ebenfalls aufstehen mussten, sofern sie nicht wollten, dass er ihnen bei dem Versuch, über sie drüber zu klettern, wahlweise seinen Hintern oder seinen Schritt ins Gesicht drückte. Daran, zu schlafen, war nicht zu denken.

Als sie in Seoul landeten, erreichte sie gleich die nächste Hiobsbotschaft: Das Flugzeug, auf das sie umgebucht hatten, hatte anderthalb Stunden Verspätung. Immerhin mussten sie sich jetzt bei der Security nicht so sehr beeilen und konnten gemütlich zu ihrem Abfluggate gehen. Wo sie dann wieder drei Stunden herumsaßen.

Ben stellte erleichtert fest, dass sie in der Zwischenzeit auch eine Buchungsbestätigung vom Business Hotel erhalten hatten. Die erneute Flugverspätung stellte sie jedoch vor ein weiteres Problem: Sie sollten gegen 21 Uhr in Osaka landen – die Rezeption war allerdings nur bis 23 Uhr besetzt. Nach einigen überaus höflichen Nachrichten, konnte Ben zumindest erwirken, dass ihre Buchung, sollten sie es nicht rechtzeitig schaffen, nicht verfiele und sie morgen früh direkt in ihr Zimmer konnten.

Von Xanders Gelassenheit, die Ben zu Beginn des Debakels überrascht hatte, war inzwischen nichts mehr übrig geblieben und als Ben ihm erzählte, wie knapp es würde, rechtzeitig im Hotel anzukommen, sackten seine Mundwinkel noch ein Stück herab. Die zwei Furchen zwischen seinen Augenbrauen waren inzwischen so tief, dass Ben befürchtete, dass sie dort dauerhaft blieben. 

»Wir schaffen es bestimmt noch!«, beteuerte er hastig.

Zum Glück rettete ihn die Durchsage, dass das Boarding ihres Anschlusses begann, davor, sich Xanders mit Sicherheit sarkastische Erwiderung anzuhören.

(Zumindest war das hier schon der gewünschte Härtetest ihrer Beziehung … Obwohl Ben sich das ganz anders vorgestellt hatte.)

Auf dem Flug von Seoul nach Osaka hatten sie keinen nervigen Sitznachbar. Stattdessen hatten sie so schlimme Turbulenzen, wie Ben sie bisher noch bei keinem Flug erlebt hatte. Den kleinen Snack, den man ihm anbot, lehnte er dankend ab. Er war froh, dass er zumindest das Mittagessen bei sich behielt. Xander neben ihm sah ebenfalls käsig aus.

Beide seufzten sie auf, als das Flugzeug ruckelnd auf der Landebahn aufsetzte und schließlich zum Stehen kam. Um angemessen zu applaudieren waren sie zu schlapp.

Obwohl Ben nicht wirklich gläubig war, bekreuzigte er sich beim Aufstehen. Aus der Luft hatte der Flughafen, der auf einer kleinen, künstlich aufgeschütteten Insel gelegen war, so winzig ausgesehen, dass Ben befürchtete, die Landebahn könnte für die Landung viel zu kurz sein.

Mit dem Elan eines Faultieres schleppten sie sich und ihr Handgepäck durch die Fluggastbrücke, folgten im Gänsemarsch den anderen Passagieren zur Passkontrolle und weiter zur Gepäckausgabe.

Während sie dort warteten und sich die Rollbänder nach und nach leerten, beschlich Ben das schreckliche Gefühl, dass zur Krönung des Ganzen auch noch ihr Gepäck verloren gegangen war. Aber dann, als Ben schon nicht mehr damit rechnete, würgte das Flugzeug doch noch ihre beiden Koffer hervor.

Da sie nichts zu deklarieren hatten, dauerte die Zollabfertigung zum Glück nicht lange – sie mussten nur einen Zettel abgeben –, und endlich, endlich hieß Japan sie wirklich willkommen.

Um 22:27.

* * *

Es war 23:11, ehe sie endlich am Bahnsteig standen und auf den nächsten Zug warteten, der Richtung Innenstadt fuhr.

Eigentlich gar nicht schlecht dafür, dass Ben am Geldautomaten fast einen Nervenzusammenbruch gehabt hatte, als der ihnen kein Geld ausspucken wollte. Es hatte drei Versuche gedauert, ehe er sich zusammengereimt hatte, dass er schlicht das Abhebelimit für ausländische Kreditkarten überschritten hatte. Mit dreißigtausend Yen in Bar waren sie dann über eine Brücke zu den Bahnstationen gehetzt – Ben hatte rausgesucht, dass sie mit JR fahren mussten und so blieb ihnen zumindest das Rätseln erspart, welche der drei Bahnanbieter sie zu ihrem Ziel führen würde.

Nicht erspart blieb ihnen, eine Viertelstunde im Service Center anzustehen, um ihre JR Railpässe abzuholen und sich zwei ICOCA-Bahnkarten zu kaufen. Aber zumindest konnte Ben sich mit seinem gebrochenen Japanisch so weit durchschlagen, dass sie ohne große Missverständnisse das bekamen, was sie wollten.

Xander sah ihn anerkennend an, als wäre es eine Meisterleistung, drei krumme Sätze in einer Fremdsprache stammeln zu können.

Jetzt warteten sie mit ihren Koffern am Bahnsteig und Ben versuchte, eine Verbindung mit dem Flughafen-WLAN herzustellen. Er hatte sich eine japanische SIM-Karte geholt, die aber erst funktionierte, nachdem sie im WLAN aktiviert worden war.

»Ich komm nicht rein, verdammt.«

Xander sah ihn müde an, sein Mundwinkel zuckte. »Alles nicht so einfach, was?«

»Das ist nicht hilfreich.«

Xander zuckte mit den Achseln. »Unser Zug ist da.«

Erschrocken sah Ben auf. Er hatte ihn gar nicht kommen gehört. »Vielleicht haben sie ja in der Bahn auch WLAN«, murmelte er, als er einstieg. »Ich will zumindest das Hotel noch erreichen.«

Xander knackte mit den Schultern. »Da ist doch schon längst niemand mehr.«

»Vielleicht … vielleicht warten sie ja doch auf uns?«

Xander zuckte nur abermals mit den Achseln, legte den Kopf in den Nacken. »Weck mich, wenn wir angekommen sind. Falls wir heute noch ankommen.«

Ben biss sich auf die Zunge. Er hätte auch gerne ein Auge zugemacht, aber er hatte zu große Angst, dass sie, wenn er einnickte, ihre Haltestelle verpassten. Er hatte sich in Seoul den Weg vom Bahnhof zum Hotel eingeprägt; ausgedruckt dabei hatte er nur den Weg zum Apartment, das in einer ganz anderen Gegend lag. Irgendwo anders wäre er verloren.

Er fühlte sich jetzt schon verloren.

Er starrte aus dem Fenster, in die schwärzeste Dunkelheit, die an ihnen vorbeizog, und nur hin und wieder von den bunten Lichtern einer Spielhalle durchbrochen wurde. So hatte er es sich nicht vorgestellt, den ersten Tag in Japan.

Japan!

Seit er als kleiner Junge die ersten Anime geguckt hatte, hatte er davon geträumt, einmal nach Japan zu fliegen, dieses faszinierende Land zu besuchen. Jetzt war er da und wollte nur heulen.

Er zog die Nase hoch und rieb sich mit dem Handrücken über die Augen.

Morgen würde er anfangen, Japan kennenzulernen.

Der Weg vom Flughafen in die Stadt zählte doch nie wirklich. Sein erster Eindruck von New York war schließlich nicht die überfüllte Metro gewesen – auch wenn die Gruppe Jugendlicher, die zu lauter Musik getanzt, an den Stangen herumgeklettert und schließlich vor einem Metropolizisten lachend davongelaufen waren, einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatten. Aber das war nicht vergleichbar mit dem Moment, in dem er die Metrostation verlassen, zwischen den Hochhäusern gestanden und mit großen Augen in den Himmel geguckt hatte. Damals noch an der Hand seiner Mutter.

Japan würde er zusammen mit dem Mann erkunden, in den er seit einem Jahr verliebt war. Und der vehement abstritt, mehr für ihn zu empfinden als reine Lust.

Aber wenn er wirklich nichts für Ben empfand, wäre er doch sicher nicht hier. Oder vielleicht wollte er sich nur nicht die Gelegenheit entgehen lassen, einen Urlaub in Japan zu machen. Ben hatte noch nicht aus ihm herauskitzeln können, warum Xander überhaupt zugestimmt hatte. Aber er würde es sicher noch herausfinden.

Die Bahnansage ließ ihn zusammenzucken.

»Tsugi wa, Shin-Imamiya! Shin-Imamiya! Next Stop, Shin-Imamiya!«

Das war die Station, an der sie aussteigen mussten. Hastig schüttelte er Xander, bis der verschlafen die Augen aufschlug. »Wir sind da. Wir sind da!«

* * *

Nachdem sie fast zehn Minuten in die falsche Richtung gelaufen waren, fanden sie schließlich das Hotel – und standen vor verschlossenen Türen, hinter denen im halbdunkel der Straßenbeleuchtung eine verwaiste Rezeption, Tische, Stühle und eine Couch vor einem noch flimmernden Fernseher lagen.

Ben konnte nicht erkennen, ob irgendjemand dort saß oder auf der Couch lag, aber selbst wenn, könnte ihnen sicher kein Gast die Tür öffnen. Dabei wäre er schon dankbar, wenn er sich einfach nur setzen und die Augen schließen könnte. Er befürchtete schon, gleich im Stehen einzuschlafen. 

Es war beinahe ein Uhr. Wegen der Zeitverschiebung hatte er ein bisschen die Orientierung verloren, aber sie waren sicher schon mehr als einen Tag wach.

Ben seufzte. Die Straßen waren ruhig, es sah nicht nach einer gefährlichen Gegend aus, auch wenn die Häuser alle etwas schmutzig waren. Aber er wollte nicht auf der Straße schlafen, wenn es sich vermeiden ließ.

Er sah sich um.

Nicht weit von ihnen erhob sich ein Wolkenkratzer in den Nachthimmel, der zwischen den anderen Gebäuden mit seiner glitzernden Glasfront fehl am Platz wirkte. Aber in seiner Nähe gab es noch ein paar Gebäude, die erleuchtet waren. Vielleicht Bars oder Fast-Food-Restaurants, die 24 Stunden geöffnet hatten.

Und ein bisschen weiter links, jenseits eines großen Parks, standen ein paar kleinere Hochhäuser, die zwischen Wohngebäuden herausragten. Ihre bunte Beleuchtung blinkte einladend. Eines hatte über dem rosa Schriftzug »Hotel« eine Miniatur einer Burg auf seinem Dach.

Er hatte noch nie ein Love Hotel in Natura gesehen, aber in Anime und Manga hatte er oft genug von den Stundenhotels gelesen, die sich in Japan großer Beliebtheit erfreuten und die durch ihre kitschige Aufmachung auffielen. Es wäre teurer als ein normales Hotel, aber sie hätten ein Bett, könnten duschen und sich bestimmt auch morgen früh ihr Frühstück aufs Zimmer bringen lassen.

Mühsam hob er den Arm. »Wollen wir da unser Glück versuchen?«

Xander sah ihn nur an, mit offenem Mund und den Kopf schief gelegt. Sein Blick schien zu fragen, ob das Bens Ernst war. Ob er tatsächlich ihre fast fünfzig Kilogramm Gepäck weitere fünfzehn, zwanzig Minuten durch die Nacht schleppen wollte, aber er hob schließlich die Schultern. »Hierbleiben können wir ja schlecht. Und vielleicht finden wir auf dem Weg wenigstens eine Parkbank.«

Langsamen Schrittes folgten sie der breiten Straße, an der ihr Hotel lag. Bens Füße schmerzten, seine Arme wurden allmählich taub und er fragte sich, ob man womöglich auch im Gehen einschlafen konnte. Und was die wenigen Leute dachten, die mit dem Auto an ihnen vorbeifuhren, und sie Zombies gleich über den Fußweg schlürfen sahen.

Als sie nach links abbogen und sich auf dem Weg zu dem Hotel mit der Burg einen Hügel hinaufschleppten, kamen sie am Eingang des Parks vorbei, der verschlossen war.

Xander seufzte. »Da ist wohl nichts mit Parkbank.« Er nickte in Richtung eines Obdachlosen, der mit Zaun im Rücken auf der Straße schlief. »Aber vielleicht leiht er uns ein Stück Pappe, wenn wir nett fragen.«

»Wir sind doch gleich da.«

»Ja, ja.«

»›Ja, ja‹ heißt leck mich am Arsch.«

Xander zog eine Augenbraue hoch.

»Das sagt meine Mutter immer.«

Er zuckte mit den Achseln. »Ja, ja. Ich glaube, du kannst das gar nicht oft genug tun, um diese Tortur wieder gut zu machen.«

Ben wurde rot.

Xander klopfte ihm auf die Schulter. »Nicht mehr heute, weil ich nur noch schlafen will, aber morgen können wir mit der Wiedergutmachung anfangen.«

Ben senkte den Blick. »Es war nicht meine Schuld, dass die ganzen Dinge schief gelaufen ist. Zumindest nicht alles davon.« Das mit dem Apartment hatte er verbockt, aber er war sich sicher, dass ihr Host ihnen um diese Zeit genauso wenig die Schlüssel gegeben hätte.

»Ich weiß«, erwiderte Xander und seine Stimme klang nicht mehr so scharf und spitz. »Ich bin nur grantig und müde. Und du weißt, wie ich dann werden kann.«

Ben schmunzelte. Das wusste er zu genüge. »Es ist nicht mehr weit, nur noch ein paar Meter, dann sind wir am Ziel.«

* * *

Bei ihrem Ziel standen sie zwar vor offenen Toren, aber kaum hatten sie das Gebäude betreten und sich die Zimmerauswahl angesehen – statt einer Rezeption gab es eine Wand mit Bildern der freien Räume, wo man sich einen mit Knopfdruck aussuchen konnte –, als ein wildgestikulierender Security-Mann auf sie zu stürmte.

Er sah auf sie, auf ihre Koffer und überkreuzte dann die Arme vor der Brust zu einem X.

»Sumimasen …«, fing Ben an, aber bevor er auch nur versuchen konnte, ihre Situation in gebrochenem Japanisch zu erklären, redete der Mann hektisch auf sie ein.

Auch wenn Ben nichts verstehen konnte – seine Gedanken waren zu langsam, um überhaupt einzelne Worte auszumachen –, so verstand er doch die Botschaft: Sie waren hier nicht erwünscht.

Ob es am Gepäck lag?

Anscheinend weil sie keine Anstalten machten zu gehen, packte der Mann Ben am Arm und zerrte ihn zur Tür, deutete dort auf ein Verbotsschild, dass zwei Strichmännchen zeigte, mit einem kleinen Plus daneben. Er überflog den erklärenden Text darunter. Seine Kehle wurde schmerzhaft eng. »Lass uns gehen, Xander.«

»Willst du nicht wenigstens versuchen, ihn zu überzeugen?« Inzwischen klang er schon weinerlich, was die Vorstufe zu einem ausgewachsenen Wutanfall war. (Ben hatte dem bisher zum Glück nur ein einziges Mal beiwohnen müssen.)

Matt schüttelte Ben den Kopf. »Sie wollen uns hier nicht, weil wir schwul sind. Keine Kombinationen mit zwei oder mehr Männern sind erlaubt.« Er schnaubte. »Wenn ein Mann sich zwei Frauen mitnimmt, scheinen sie dagegen allerdings nichts zu haben.«

Halb erwartete Ben, dass Xander jetzt ausflippen und den Mann anschreien würde. Würde der dann die Polizei rufen und sie im Knast landen? Und morgen in einem Flugzeug in die USA gesteckt werden, für immer dem Land verwiesen?

Aber mit sturer Miene ging Xander an ihm vorbei zurück auf die Straße, zog die beiden Koffer hinter sich her. »Komm«, murmelte er.

Zurück im Freien rieb Ben sich über die Augen. »Da sind noch andere Hotels, vielleicht …«

»Nein. Die Demütigung tu ich mir nicht noch einmal an. Wenn sie unser Geld nicht haben wollen, sind sie selbst schuld. Da hinten am Bahnhof gibt es bestimmt ein McDonalds, oder so was. Ich könnte ohnehin was zu essen vertragen.«

Mit gesenkten Schultern trottete Ben hinter ihm her. Er hatte vergessen, dass es nicht überall so einfach war, schwul zu sein. Dass es Orte gab, in denen es einem schlimmer ging als in Nordamerika. Auch wenn das hier immer noch Jammern auf hohem Niveau war, im Vergleich zu anderen Orten auf der Welt.

Xander stieß ihm mit dem Ellbogen in die Seite. »Vielleicht wird es doch kein McDonalds für die Nacht.«

Ben sah auf. Vor ihnen lag hell erleuchtet der Eingang eines Karaokeladens.

* * *

»Zaaaaankoku na tenshi no yo-ooo niiiiii«, grölte Xander inbrünstig und in überraschend akzentfreiem Japanisch ins Mikrofon, während das Opening von »Neon Genesis Evangelion« über den Bildschirm flimmerte.

Hier hatte man sie mit offenen Armen empfangen, die Nacht kostete inklusive Getränke keine 1500 Yen und nachdem sie sich erst mit Händen und Füßen verständigen mussten, hatte die ältere Dame an der Rezeption eine junge Studentin geholt, die gerade erst von ihrem Auslandsjahr in den USA zurückgekommen war. Die junge Frau stellte sich als Ayaka vor und erklärte ihnen, dass die kleine Getränkebar Selbstbedienung war, sie aber auch ausgefallenere Cocktails und Snacks über das Telefon in ihrem Raum bestellen konnten.

Noch keinen Tag hatten sie in Japan verbracht und Ben war schon erleichtert, sich wieder in seiner Muttersprache verständigen zu können.

Ayaka hatte sie zu einem kleinen Raum am Ende des Gangs geführt, der trotz laufender Klimaanlage noch ein bisschen nach kaltem Rauch stank. Gerade so passten sie mitsamt Gepäck hinein. Aber die Ledereckcouch war groß genug, dass sie sich beide darauf legen konnten.

Auch wenn Xander augenscheinlich noch nicht danach war, jetzt zu schlafen. 

Nach dem ersten hastig heruntergekippten Highball war er wieder munter. Und bald müsste das Essen geliefert werden, das sie sich bestellt hatten. Dankenswerterweise hatten sie eine Bedienungsanleitung und ein Menü auf Englisch bekommen – augenscheinlich zwar mit Google Translate übersetzt, aber immerhin für sein müdes Gehirn einfacher zu verstehen.

Ben lag krumm auf der Couch und konnte kaum die Augen aufhalten. »Ich wusste gar nicht, dass du ein Otaku bist.«

»Bin ich nicht, aber meine Schwester. Die ist sogar eine Fujoshi.«

»Eine was?«

»Willst du gar nicht so genau wissen.«

Xander grinste so schmutzig, dass Ben wirklich nicht nachfragen wollte, was damit gemeint war.

Der Instrumentalteil des Liedes war vorbei, und Xander widmete sich wieder dem schiefen Gesang.

Er sah nicht mehr wütend oder unglücklich aus, und in diesem Moment reichte das Ben, um wieder zu lächeln.

Ihr Urlaub hatte nicht den besten Start hingelegt, aber es konnte wieder aufwärts gehen.

* * *

Der nächste Morgen kam viel zu schnell. Xander hatte noch ein paar Anime-Openings zum Besten gegeben und versucht, Ben dazu zu bewegen, ebenfalls etwas zu singen, aber erschöpft hatte er abgelehnt. Es würde sich eine andere Gelegenheit ergeben. Im Moment machte es ihn ohnehin am glücklichsten, Xander dabei zuzusehen, ausgelassenen Spaß zu haben.

Sie hatten sich zur Feier des Tages noch ein paar Cocktails mit reichlich Eis und Sahne und wenig Alkohol bestellt, ihr Essen heruntergeschlungen und es sich dann gegen halb vier auf der Couch Kopf an Kopf gemütlich gemacht.

Xander hatte sich sogar zu einem Gute-Nacht-Kuss hinreißen lassen. Sonst war er selten so romantisch, was Ben als kleinen Sieg verbuchte.

Ayaka hatte sie dann gegen acht zum Ende ihrer Schicht geweckt und ihnen noch zwei Kaffee und zwei Melonpan gebracht. Zwinkernd hatte sie ihnen erklärt, dass das Tantchen an der Rezeption sie nicht mit leerem Magen gehen lassen wollte und das süße Gebäck aufs Haus ginge. Dadurch hatte ihr Frühstück gleich doppelt so gut geschmeckt.

Ben war immer noch müde, Xander sah zerknautscht aus, aber er lächelte und das ließ wiederum Ben lächeln. Gestärkt machten sie sich auf den Weg zu ihrem Hotel.

Xanders Knochen knackten, als er sich streckte. »Was hattest du eigentlich für heute alles geplant?«

Ben grinste schief. »Ursprünglich dachte ich ja, dass wir in einer anderen Ecke sind, deswegen wollte ich die Gegend um das Apartment erkunden. In Dotonbori gibt es viele Restaurants. In der Gegend gibt es auch viele Einkaufspassagen und einen Animate-Laden.« Ben spürte wieder, wie ihm die Hitze in die Wangen schoss. »Da gibt es viel Merchandise für Anime und Manga. Vielleicht kannst du deiner Schwester etwas mitbringen.« 

Xanders Gesichtsausdruck fror kurz ein, dann nickte er in Richtung eines der Häuser an der großen Kreuzung, die sie gerade überquerten. »So ein Animate?«

»Oh!«

»Wie wäre folgender Plan: Wir legen uns im Hotel aufs Ohr, so bis mittags, gehen dann was essen, sehen uns hier die Geschäfte an und vielleicht den Park ein bisschen. Und dann geht es wieder früh ins Bett?«

»Nicht ganz, was ich vorhatte, aber ja.« Er unterdrückte das Gähnen gar nicht mehr. »Gerne.«

Der Fußweg zurück zum Hotel zog sich. Fühlte sich länger an als in der letzten Nacht. Vielleicht, weil sie in der letzten Nacht alleine auf dem Gehweg waren und nicht von älteren Damen mit Krückstock überholt wurden.

Als sie schließlich vor dem Hotel ankamen und sich die Glastüren öffneten, hätte Ben am liebsten geweint. Die Tränen, die ihm kamen, rieb er sich hastig aus den Augen.

»Irashaimase!«, rief ihnen laut und übertrieben enthusiastisch ein älterer Herr zu, der an der Rezeption saß. Der Mann sagte etwas, aus dem Ben nur ihre Namen heraushören konnte, also nickte er.

Der Mann holte aus einer Schublade eine kleine Box hervor, gab ihnen ein paar Zettel zum Ausfüllen, verbeugte sich ein halbes Dutzend mal, als Ben ihm seine Kreditkarte gab und händigte ihnen schließlich die Schlüssel aus. Er gestikulierte Richtung Aufzug und sagte mit schwerem Akzent: »Siebte Etage! Siebte Etage!«

Während sie auf den Aufzug warteten, sahen sie sich um. Direkt gegenüber vom Aufzug war ein abgewetztes Tischchen, mit Kaffeekanne, Bechern und kleinen Tabletts.

»Sieht alles ein bisschen schäbig aus«, kommentierte Xander – Ben sank bei den Worten das Herz –, »aber freundlich und einladend.«

Mühsam unterdrückte Ben ein erleichtertes Aufatmen.

Diesmal saßen ein paar Männer in Anzügen um den Tisch herum und aßen Cup-Ramen. Zwei junge Frauen, vielleicht in Bens Alter, lümmelten sich auf der Couch und verfolgten die Nachrichten. In einer kleinen Kochnische stand ein Mann, der sich gerade irgendetwas briet. Augenscheinlich alles Japaner.

Ein Flur führte zu den Bädern, Duschen und Toiletten.

Dass sie kein eigenes Badezimmer haben würden, hatte Ben Xander noch nicht gesagt. Hoffentlich reagierte er nicht zu gereizt darauf. Schließlich brauchte er morgens immer ewig im Bad und hasste es, dabei gestört zu werden.

Vor ihnen ertönte ein kleines Pling, und die Aufzugtüren öffneten sich. Ein älterer Mann im Bademantel, der ihnen nur bis zur Brust ging, schob sich leise fluchend zwischen ihren Koffern hindurch zur Rezeption. Mitsamt ihrer Koffer und Taschen konnten sie sich so gerade zu zweit in die Kabine quetschen. Hinter ihnen erklang wieder die laute Stimme des enthusiastischen Mannes und begleitete sie gedämpft noch drei Etagen, bis Ben nur noch ihr eigenes Atmen und das Ruckeln des Aufzugs hörte.

Der Aufzug öffnete sich auf der siebten Etage. Ben kämpfe sich mitsamt Koffer heraus. Xander folgte ihm.

Der Boden – dreckiggelbes Linoleum – quietschte unter ihren Schritten. Auf der Wand gegenüber des Aufzugs war ein Plan der Etage. »Wir müssen links rum.«

»Sag mal, warum sind da Toiletten eingezeichnet?«

»Ähm. Jedes Hotel hat auch Toiletten auf dem Flur?«

Xander schnaubte. »Nicht jedes. Unten gab es Schilder zu den Duschen und dem Bad. Wir haben kein eigenes Badezimmer, oder?«

Ben presste die Lippen aufeinander, schüttelte knapp den Kopf.

»Die eine Sache, bei der ich keine Kompromisse eingehe. Warum hast du mir das nicht vorher gesagt?«

»Du hast gesagt, ich soll das Hotel buchen. Die anderen Hotels waren alle viel zu teuer. Und das Hotel hat gute Bewertungen für die Sauberkeit gekriegt.«

Xander schnalzte abfällig mit der Zunge.

»Drei Wochen wirst du es wohl noch überleben, dir die Toilette und die Dusche zu teilen.« Ben wusste gar nicht, woher sein sarkastischer Tonfall kam. »Ich kann auch gerne immer vorher gehen und für den Herrn alles sauber machen.«

Xander funkelte ihn so wütend an, wie Ben es noch nie erlebt hatte. Und das bedeutete etwas. »Ich nehme deine Phobien ernst, aber wenn ich mich nicht wohl fühle, dann ist es egal.«

»Ich … ich wusste nicht …«

Xander senkte den Blick. »Gut, ich hätte es dir vielleicht auch einfach sagen sollen, dass ich da Probleme mit habe.«

»Vielleicht … vielleicht finde ich noch ein anderes Hotel.«

Xander schüttelte den Kopf. »Ich hab so viel Lysol im Gepäck, das müsste reichen.«

Ben ließ die Schultern sinken. »Es tut mir leid. Aber die ganze Zeit hab ich es auch nie gemerkt.«

Er zuckte mit den Achseln. »Ich geh damit ja auch nicht hausieren. Ich bin nicht gut darin, offen zu sein. Nicht so wie du.« Xander wich seinem Blick aus und räusperte sich. »Wir sollten auf unser Zimmer. Ich bin müde.«

Ben nickte hastig und eilte voraus, den schmalen Gang entlang. Kontrollierte die Nummern an den Türen, bis sie vor ihrer 713 standen. »Bingo.« Er schloss die Tür auf und zog sie auf. Es quietschte leicht.

Das Zimmer vor ihnen war größer, als Ben nach den Bildern erwartet hatte.

»Zwei getrennte Betten?«, fragte Xander.

»Mit Doppelbett hab ich nichts mehr gefunden.«

Das Zimmer hatte einen kleinen Eingangsbereich, gerade groß genug, um darin ihre Schuhe abzustehen. Eine kleine Stufe führte hinauf zum Tatami-Boden. Pantoffeln standen bereit.

Ben streifte seine Schuhe ab und hievte erst seinen, dann Xanders Koffer in die Mitte des Zimmers.

Xander streifte sich die Schuhe ab, schob sich an ihm vorbei und ließ sich bäuchlings auf das erste Bett fallen. »Weck mich, wenn es mittag ist.«

Bevor Ben etwas erwidern konnte, hatte Xander bereits angefangen, leise zu schnarchen.

Ben schmunzelte. Er schloss die Tür hinter sich, stieg über die Koffer hinüber und setzte sich auf sein Bett. Seine Lider waren schwer.

Er rollte sich zur Seite.

Auspacken konnten sie auch noch später.

* * *

»Wach auf.«

Jemand schüttelte Ben an der Schulter.

»Ben. Es ist schon fast Nacht.«

Mühsam zwang er seine Lider auf und sah hinauf in Xanders Gesicht. »Wass’n?«

»Es ist zwanzig nach acht. Abends. Draußen ist es stockdunkel.« Er lächelte schief. »Würde mein Magen nicht knurren, als würde ich gleich verhungern, dann wäre ich am liebsten liegen geblieben.«

Mühsam setzte Ben sich auf und rümpfte die Nase. »Vor einem Bad geh ich nirgendwo hin.«

»Perfekt. Das Bad unten ist für Männer ab halb neun geöffnet. Wir nehmen ein gemütliches Bad, holen uns dann etwas zu Essen und fangen mit dem ganzen Urlaubsstress erst morgen an. Okay?«

»Okay.«

Zehn Minuten später hatten sie sich die Morgenmäntel übergestreift, die auf den Betten bereitgelegen hatten, und schlurften – ansonsten nur noch mit Unterhosen und Pantoffeln bekleidet – zum Aufzug.

Ein Glück, dass keiner von ihn Angst vor Aufzügen hatte. Ein Treppenhaus hatte Ben bisher nicht entdecken können.

Als sie im Erdgeschoss ankamen und um die Ecke Richtung Bad bogen, eilte ihnen der enthusiastische Mann nach. Er hatte sich sicher vorgestellt, aber Ben hatte den Namen nicht heraushören können. Die Schriftzeichen auf seinem Namensschild konnte er nicht entziffern.

Er hielt einen Schlüssel in der Hand. »Badezimmer, Badezimmer!«, rief er in einem fröhlichen Singsang und schloss ihnen die Tür auf, die in einen kleinen, quadratischen Umkleideraum führte. Buckelnd ließ er sie wieder alleine.

Xander knackste mit den Schultern. »Eines muss man ihnen lassen. Auch wenn das hier eine runtergekommene Bruchbude ist, den Service haben sie drauf.« Er streifte den Bademantel und die Unterwäsche ab und packte sie zusammen mit seinen Handtüchern in eines der Schließfächer.

Ben sah ihn an, leckte sich über die Lippen.

Das Gemeinschaftsbad auszuprobieren war vielleicht keine so gute Idee. Er schluckte und wandte den Blick wieder ab. Hastig zog er sich aus und stopfte seine Sachen in ein anderes Fach. »Weißt du, wie das hier geht?«, fragte er, während er die Wand ansah.

»Ob ich weiß, wie man badet? Ich bin kein Kleinkind mehr.«

»Ich meine, wie man in einem japanischen Bad badet.« Er räusperte sich. »Erst müssen wir uns duschen, bis wir ganz sauber sind, und dann erst dürfen wir in die Wanne. Sie wechseln das Wasser schließlich nicht.« Er betrachtete Xander. »Falls dich das stört, musst du ja nicht mit ins Wasser.«

»Mit gemeinsamen Bädern hab ich kein Problem. Nur mit Toiletten. Und auch nur, wenn ich … Na ja …« Er schüttelte sich übertrieben. »Wobei … Erstmal abwarten, wie dieses Bad aussieht.«

Er öffnete die Schiebetür und Dampf schlug ihnen entgegen. Das Becken nahm den Großteil des Raumes ein. Bis zum Rand war es mit Wasser gefüllt, das schwappend überlief und in einem Abfluss versickerte. Aus zwei Hähnen strömte neues nach. Der Boden war mit kleinen viereckigen Kacheln gefliest. An den Wänden waren Duschen angebracht und es gab kleine Hocker, auf die man sich setzen konnte.

Ein Lächeln zupfte an Bens Mundwinkeln. Das sah genauso aus wie die Bäder, die er aus verschiedenen Serien kannte. »Das ist perfekt.«

Besonders, weil sie das Bad für sich alleine hatten.

Ben ging in die hintere Ecke, zog sich einen Hocker heran, setze sich darauf und drehte dann die Duscharmatur, bis das Wasser in der richtigen Temperatur heraussprudelte.

Xander beäugte die Hocker kurz skeptisch, nahm sich dann einen und setzte sich neben Ben, begutachtete das generische Shampoo und Duschgel. »Ich hätte mein eigenes mitnehmen sollen.« 

»Ich glaube, man kann an der Rezeption nach anderem fragen, Schönling.«

Xander grinste, drehte das Wasser auf und richtete den Duschstrahl auf Ben.

Ben quietschte, als ihn das eiskalte Wasser traf. Er nahm seinen eigenen Schlauch und spritzte Xander nass, was diesem ein schallendes Lachen entlockte.

Im nächsten Moment knurrte sein Magen. »Okay, keine Zeit für Späßchen. Ich verhungere gleich.«

Die kommenden Minuten rieben sie sich mit Duschgel ein und wuschen sich ausgiebig die Haare. Ben erwischte sich immer wieder dabei, wie er zu Xander blickte, auf seinen Körper, über den Seifenschaum und Wasser perlten. Und der so perfekt gestählt aussah, als wäre er eine griechische Statue.

Er gehörte nicht hierher. Nicht zu Ben. Aber er war nichtsdestotrotz da.

»Erde an Ben«, riss Xander ihn aus den Gedanken. »Tust du mir einen Gefallen?« Er rollte mit den Schultern. »Mein Nacken und meine Schultern sind ganz verspannt. Bekomm ich eine kleine Massage?«

Ben schluckte. »Klar.« Er schob den Schemel hinter Xander und hockte sich hin, spritzte mit der Dusche die letzten Reste Seifenschaum weg und begann, Xanders Rücken zu massieren. Erst jetzt fiel ihm auf, wie lange sie sich nicht mehr so nah gewesen waren. Und Ben erinnerte sich nicht, dass er jemals zuvor mit den Fingern über Xanders Nackenmuskeln gestrichen, die Muskeln seiner breiten Schultern geknetet und mit den Daumen feine Kreise über seine Schulterblätter gezogen hatte. Sein Blick sank tiefer, zu den kräftigen, harten Muskeln seines Pos.

Ben fiel das Atmen schwer, seine Kehle zog sich eng zu. Bisher war er immer Bottom gewesen. Der kleine Löffel, wenn sie aneinander geschmiegt schliefen. Ihm war noch nie aufgefallen, wie unglaublich sexy Xander von hinten aussah.

»Das machst du gut«, flüsterte Xander und schnurrte wie ein Kätzchen.

Das Blut schoss ihm in den Schritt und ihm wurde schwindelig.

In dem Moment hörte er das Ratschen der Schiebetür, begleitet von leisem Geflüster.

Erschrocken sprang Ben auf, rutschte auf dem Boden aus und fiel nach hinten.

Es platschte und im nächsten Moment umschloss ihn heißes Wasser. Wild schlug er mit den Armen um sich, bis ihn jemand packte und hochzog.

»Du Schussel!« Xander lachte. »Du hast dir nicht wehgetan, oder?«

Ben schüttelte den Kopf. Aus den Augenwinkeln sah er die drei Japaner, die zu Boden blickten und wahrscheinlich gerade irgendetwas über anstandslose Ausländer murmelten. Schließlich war das hier kein Planschbecken.

»Ah, sumimasen«, entschuldigte Ben sich und kletterte wieder aus dem Becken.

»Wollen wir kein Bad mehr nehmen?«, fragte Xander mit neckendem Unterton.

»Heute lieber nicht mehr.«

* * *

Sauber und ausgeschlafen erschien die japanische Nacht viel einladender. Ben atmete ein und aus. Es war immer noch warm und er vermutete, dass der Tag drückend gewesen war.

»Wohin sollen wir gehen?«

Ben kaute auf der Unterlippe. »Ich hab nicht recherchiert, wo es hier Restaurants gibt, aber ich schätze, irgendwo in der Richtung werden wir schon etwas finden.« Er zeigte in Richtung des Hochhauses.

Xander legte einen Arm um seine Schulter und drückte ihn. »Dann, auf, auf! Notfalls müssen wir nochmal Karaoke singen.«

Gemeinsam schlenderten sie den Weg entlang, der ohne Koffer viel angenehmer war und sich gar nicht so lang anfühlte. Ben vermied es nach links über den Park zu dem Love Hotel zu sehen. »Das wäre gar nicht so verkehrt. Dann kann ich auch etwas singen.«

»Aber vielleicht lieber, wenn wir uns schon ein bisschen an die Zeitumstellung gewöhnt haben. Wenn wir heute wieder die Nacht durchmachen, sehe ich schwarz für dein Sightseeing-Pensum. Was hattest du denn für morgen geplant?«

»Eigentlich müssten wir immer noch die Gegend erkunden.«

»Ich weiß nicht, so beeindruckend sieht es hier nicht aus.«

»Auch wieder wahr.« Es war eine eher ruhige Gegend und die Straßen waren fast leer. Nur in der Nähe des Hochhauses schien mehr los zu sein. Über die Kreuzung wuselten Menschen wie Ameisen. »Ich würde gerne nach Kyoto. Mir dort ein paar der Tempel und Schreine ansehen.« Er hatte einen ganz bestimmten Schrein ins Auge gefasst. Im Yasui-Konpira-gu gab es einen Enmusubi-Stein, ein Stein, dem die Macht zugesprochen wurde, zwei Schicksale miteinander zu verbinden. Man konnte sich dort einen weißen Zettel kaufen, darauf einen Wunsch für die Beziehungen notieren, und wenn man durch ein Loch im Stein krabbelte und dann den Zettel an den Stein heftete, sollte sich dieser Wunsch erfüllen.

Es war nur Aberglaube, aber als Ben diese Reise geplant hatte, war er noch fest davon überzeugt, jedes Glück der Welt gebrauchen zu können, damit seine Beziehung zu Xander aufblühte und Bestand hatte.

Es kribbelte in seinem Magen.

Gerade war er zuversichtlich, dass es auch ohne göttliche Unterstützung funktionieren würde. Schaden würde es aber sicher nichts.

»Gut«, riss Xander ihn aus den Gedanken, »dann fahren wir morgen nach Kyoto. Die Gegend hier können wir uns noch ansehen, wenn wir dem Sightseeing müde sind und keine Lust haben, groß durch die Gegend zu fahren.«

Sie waren inzwischen an der Kreuzung angelangt. Xander griff nach seiner Hand. »Damit ich dich in den Menschenmassen nicht verliere.« Er zwinkerte.

Hier war ein bisschen mehr los, aber von Menschenmassen konnte man immer noch nicht sprechen.

Bens Wangen wurden warm und er lächelte verschmitzt. »Danke.« Er drückte Xanders Hand und verschränkte dann ihre Finger ineinander.

Händchen haltend überquerten sie die Straße, bogen in eine Seitengasse ein, in der es etwas ruhiger war. Xander hatte die Führung übernommen.

»Hast du ein bestimmtes Ziel?«

Er grinste und fuhr sich mit den Fingern durch seine dunkelblonden Locken. »Ich folge meinem Bauchgefühl.« Dann zwinkerte er. »Gut, bevor ich dich geweckt habe, habe ich auf dem Handy nachgeguckt, was es hier gibt. Ich fühle mich heue nicht so experimentell, deswegen dachte ich, mit Curry kann ich nichts falsch machen.«

Da entdeckte Ben schon den kleinen Curryladen. »Einen Moment hatte ich Sorge, du würdest uns zu McDonalds führen.«

Xander lachte. »Sei unbesorgt, dahin führe ich dich nur, wenn ich absolut nichts anderes Essbares finden kann.«

Das Restaurant war gut besucht und sie bekamen zwei Plätze an der Theke zugewiesen. Der würzige Geruch von Curry lag schwer in der Luft.

Bens Magen knurrte, und Xanders schien direkt darauf zu antworten. Ben suchte sich im Menü ein Curry mit geschmolzenem Käse aus, Xander nahm ein Gemüsecurry und beide bestellten sie dazu noch ein Glas Mango Lassi.

»Warum wundert es mich nicht, dass du Curry mit Käse bestellt hast.«

»Alles schmeckt mit Käse besser.«

Xander schüttelte den Kopf.

Die Kellnerin stellte ihnen Gläser hin und schenkte ihnen aus einem Krug Wasser ein.

Erst als Ben den ersten Schluck getrunken hatte, wurde ihm bewusst, wie ausgetrocknet er sich fühlte. Seit sie heute morgen die Karaokebar verlassen hatten, hatte er nichts mehr getrunken. Gierig trank er noch zwei weitere Gläser.

Xander schwenkte das Eis in seinem Glas, als tränke er einen teuren Whiskey. »Ich sage das nur ungern, aber ich muss dir recht geben. Mit dir in den Urlaub zu fahren, das war wirklich eine gute Idee. Das heißt zwar nicht, dass …«

»Dozo!«, unterbrach ihn die Kellnerin und servierte ihnen das Curry und ihre Lassi.

Die Portion war größer, als Ben für den Preis erwartet hatte. Er probierte vorsichtig. Schärfer als erwartet war es auch, aber lecker. Und der Käse in der Soße die perfekte Kombination.

Still schaufelten sie sich das Essen in den Mund, tranken hin und wieder einen Schluck Lassi.

Nervös wartete Ben darauf, dass Xander seinen Satz vollenden würde, aber er tat es nicht.

Als sie schließlich schon auf dem Rückweg waren, räusperte Ben sich. »Was wolltest du sagen, als die Kellnerin dich unterbrochen hat?«

Er biss sich auf die Unterlippe, sah Ben aus den Augenwinkeln an. »Nichts Wichtiges. Da können wir ein anderes Mal drüber reden.« Seine Mundwinkel zuckten. »Vielleicht ändere ich meine Meinung bis dahin auch noch.«

Bens Herzschlag begann zu rasen. Bedeutete das, was Ben glaubte, was es bedeutete? Das Xander ernsthaft darüber nachdachte, es mit ihm zu versuchen?

Er nickte als Erwiderung nur, nahm Xanders Hand und drückte sie fest.

* * *

Zurück im Hotel warf Ben sich erschöpft auf sein Bett. Auch wenn sie den ganzen Tag verschlafen hatten, steckte ihm die Müdigkeit immer noch in den Knochen. »Gute Nacht!«, murmelte er, rollte sich auf den Bauch und schlang die Arme um sein Kissen.

»Du willst schon schlafen?«, fragte Xander mit neckendem Unterton.

»Tut mir leid. Ich bin doch zu müde, um … wiedergutzumachen, was ich verbockt habe.«

»Ja, ja«, erwiderte Xander und lachte dann. »Eigentlich musst du gar nichts wieder gut machen. Bisher war unser Urlaub das reinste Chaos, aber irgendwie habe ich mich schon lange nicht mehr so … ich weiß auch nicht.« Xanders Finger strichen über Bens Nacken, ließen ihn erschauern. »Darf ich mich zu dir legen?«

»Ist dir das nicht zu eng?«

»Ist das ein Nein?«

»Nein, ja, du kannst dich gerne zu mir legen.« Ben wurde wieder heiß und das lag nicht nur daran, dass Xander sich jetzt von hinten an ihn schmiegte und sein Atem ihm im Nacken kitzelte. Er schlang die Arme um Ben, rollte sie beide auf die Seite und drückte ihm einen Kuss in den Nacken. »Schlaf gut.«

Bens Herzschlag raste. Plötzlich war er hellwach, jede Faser seines Körpers.

Deutlich spürte er Xanders Hand auf seinem Bauch. Die andere Hand, die Bens Schulter umfasste. Die Brust, die sich in seinem Rücken hob und senkte. Er schluckte. »Vielleicht könnten wir ja doch …«

Erstickt lachte Xander auf. »Da kenn ich dich doch schon viel zu gut.« Er schob seine Hand unter Bens T-Shirt. »Aber Zeit, dich noch ein bisschen besser kennenzulernen.« Er drückte ihm einen Kuss auf die Schulter.

Ben drehte den Kopf zurück, legte eine Hand an Xanders Wange, blickte ihm tief in die Augen.

Xander beugte sich ein Stück vor und küsste ihn auf die Lippen. Dann lächelte er auf diese Art, die jedes Mal Bens Herz zum Stolpern brachte. Dieses Lächeln, das bis in die Augen reichte.

Ben biss sich auf die Unterlippe, um nicht die drei verräterischen Worte zu flüstern, die jetzt alles kaputtmachen konnten.

* * *

Kyoto sah nicht ganz so aus, wie Ben es sich vorgestellt hatte.

Das lag vielleicht daran, dass die Bilder, die er sich angesehen hatte, entweder zur Zeit der Kirschblüten oder im Herbst, wenn die Blätter an den Bäumen rostbraun waren, aufgenommen worden waren. Oder vielleicht auch daran, dass die meisten Bilder Tempel, Burgen oder Schreine zeigten und nicht den Bahnhofsvorplatz, auf dem es hauptsächlich Bushaltestellen zu sehen gab. Und auch nicht die unscheinbare Innenstadt, die nicht viel anders als die Umgebung ihres Hotels in Osaka aussah. (Gut, nicht ganz so schmutzig und runtergekommen.)

Plan war es, erst zum Kiyomizu-Dera zu fahren, dort den Tempel zu erkunden und dann zu Fuß bis zum Gion-Viertel zu gehen, wo sich der Yasui-Konpira-gu Schrein befand. Warum er in genau diesen Schrein wollte, hatte er Xander natürlich nicht erzählt.

Xander war viel zu abgeklärt – er besaß nicht einmal einen Glücksbringer. Wahrscheinlich würde er Ben auslachen. Er musste sich noch überlegen, wie er Xander erklären wollte, dass und warum er durch den Stein kriechen wollte.

Aber erstmal mussten sie den richtigen Bus Richtung Kiyomizu-Dera finden.

Eine freundliche ältere Dame zeigte ihnen schließlich den Bussteig. Bens Magen krampfte. Die Haltestelle war jetzt bereits überlaufen mit Menschen und der Bus, der gerade hielt, platzte aus allen Nähten und dennoch schoben sich noch weitere Menschen hinein.

Kalter Schweiß brach ihm aus.

Und er hatte geglaubt, bereits der Zug hierher wäre voll gewesen, aber da hatte zumindest noch jeder einen Sitzplatz gefunden.

Im Rücken spürte er Xanders Hand. »Wir können auch zu Fuß gehen.«

»Das ist zu weit.«

»Oder ein Taxi nehmen?«

»Das ist zu teuer.« Er schluckte. »Wenn man mutig sein will, muss man sich seinen Ängsten stellen.«

»Ist es wirklich okay?«

Ben nickte und reihte sich bei den Wartenden ein.

Xander fasste seine Hand.

Eine schwere Last fiel ihm von den Schultern. Es war seltsam, wie viel erträglicher Dinge wurden, wenn er sie nicht alleine bewältigen musste.

Erst im übernächsten Bus fanden sie Platz.

Ben stand mit dem Rücken zum Fenster, Xander ihm gegenüber, die Hand neben seinem Kopf am Fenster abgestützt, als würde er ihn mit seinem Körper decken. Als wäre er der Puffer zwischen ihm und dem Rest der Welt.

Zusammen mit den meisten anderen stiegen sie an der Gojozaka-Haltestelle aus.

An der frischen Luft stützte Ben sich mit den Händen auf den Knien ab und holte tief Atem. Seine Kleider klebten schweißfeucht an seiner Haut – es half nicht, dass sie draußen sicher dreißig Grad hatten, obwohl es noch Vormittag war.

Xander hielt ihm eine Wasserflasche hin. »Trink etwas.« Er setzte sich seine Sonnenbrille auf und sah sich um. »Lass mich raten, wir müssen dort den Berg rauf?«

Ben nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche, wischte sich den Schweiß aus der Stirn und sah dann auf. In der Ferne konnte er bereits die Terrasse des Tempels sehen. Die Häuser, die hier die Straßen säumten, sahen mehr nach dem aus, was er in Japan erwartet hatte. Kleine Häuschen mit schwarzen Ziegeldächern, die sich mit Ladenlokalen abwechselten. »Ja, dort müssen wir hoch.«

Xander schüttelte den Kopf. »Welche Sünden habe ich begangen, dass ich so Buße tun muss?«

»Willst du das wirklich wissen?«

Xander warf ihm einen scharfen Seitenblick zu, schüttelte dann den Kopf. »Sag nichts, ich weiß, ich war nicht immer ein guter Junge.Besonders nicht zu dir.« Er nickte in Richtung eines kleinen Geschäfts, aus dem gerade eine Schar Touristen strömte. »Aber erst holen wir uns ein bisschen Wegzehrung.«

* * *

Bewaffnet mit grünem Matcha-Softeis stiegen sie begleitet von zahlreichen anderen Touristen die Anhöhe hinauf. Ein schnatternder Pilgerstrom.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft fühlte er sich wirklich wie ein Tourist. Und ein bisschen auch wie Zuhause. In dem Sprachengewirr hörte er auch einige heraus, die Englisch sprachen. Er erkannte Spanisch, Französisch und Deutsch. Die wenigsten, die sie hier umgaben, waren aus Japan. Ein bisschen Anspannung fiel von ihm ab und er griff nach Xanders freier Hand, drückte sie.

Xander sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. »Hast du Angst, mich in der Menschenmasse zu verlieren?«

»Quatschkopf.« Hitze schoss ihm in die Wangen und er hob den Blick zu dem Tempelkomplex, der sich vor ihnen ausbreitete. »Ist das nicht wunderschön?«

»Vielleicht.« Xander seufzte. »Ja. Und es ist so, wie ich es mir vorgestellt habe.«

Ben leckte sich über die Lippen, holte Atem. »Du hast mir nie gesagt, warum du mit nach Japan wolltest. Das wird ja nicht nur an deiner Schwester gelegen haben.« Gerade erst fiel ihm auf, dass er beim Karaoke überhaupt das erste Mal davon gehört hatte, dass Xander eine Schwester hatte. Er selbst hatte in den vergangenen Monaten so viel von sich preisgegeben, aber auf ihrer Reise hatte er jetzt schon so viel über Xander gelernt, was ihm bisher fremd gewesen war.

»Eigentlich schon. Sie hat das Land geliebt und immer davon geträumt, hierher zu reisen. Selbst einmal die Welt zu sehen, die sie nur aus ihren Manga und Anime kannte.« Er senkte den Blick. »Den Wunsch konnte sie sich nie erfüllen. Sie ist …« Er zuckte mit den Achseln. »Es war ein dummer Unfall, als sie gerade neunzehn war. Ein Kumpel hatte sie auf dem Roller mitgenommen, nur ein kurzes Stück, deswegen hatte sie keinen Helm auf. Sie wollte wohl ihre Frisur nicht ruinieren. Es ist erschreckend, wie schnell Dinge enden können, die noch gar nicht wirklich angefangen haben.«

Ben drückte Xanders Hand fester. »Tut mir leid, das wusste ich nicht. Mein Beileid.«

»Das ist jetzt zehn Jahre her. Manchmal rede ich immer noch so, als wäre sie noch da. Und so lange, wie ich an sie denke, ist sie das ja auch irgendwie.« Er ließ Bens Hand los, setzte die Sonnenbrille kurz ab und rieb sich mit dem Handrücken über die Augen. »Mann, wie heiß das hier ist, da ist mir doch Schweiß in die Augen gelaufen.«

Ben schlang den Arm um seine Schultern und drückte ihn. »Du hast recht, es ist viel zu heiß hier. Das Eis ist auch schon ganz weggeschmolzen.« Er deutete auf eine kleine überdachte Laube, die zu einem kleinen Café gehörte. »Setzen wir uns doch noch ein bisschen in den Schatten.«

»Und essen noch ein Eis?«

»Guter Plan.«

* * *

Ihr Ausflug in den Kiyomizu-Dera nahm den gesamten Vormittag ein. Hier zu sein ließ Bens Herz fast so schnell schlagen wie der Gedanke, mit wem er hier war. Er schoss tausende Fotos mit seinem Handy, zwang Xander etliche Selfies auf und holte sich unter dem Vorwand, nach einer Toilette zu suchen, im Jishu-Schrein einen Talisman, der Glück in der Liebe verhieß. Dort sah er auch ein paar Schuldmädchen, die blind versuchten von einem im Boden eingelassenen Stein zu einem anderen zu gehen – unter der Anfeuerung ihrer Freundinnen. Er fragte eines der Mädchen, was es damit auf sich hatte. Es hieß, man fände seine große Liebe, wenn man blind von einem Stein zum anderen gehen konnte. Einen Moment war Ben versucht, es auszuprobieren, aber er hatte Xander ja bereits gefunden, musste ihn nur noch davon überzeugen, dass das zwischen ihnen Liebe war. Er drückte seinen Talisman noch einmal fest und schob ihn dann in sein Portemonnaie.

Xander fand er auf der gleichen Bank wieder, auf der er ihn zurückgelassen hatte. Er hatte die dritte Wasserflasche ausgetrunken und warf sie in den Mülleimer. »Ich weiß gar nicht, warum du überhaupt auf Toilette musst – ich hab das Gefühl, ich schwitze alles einfach wieder aus.«

Inzwischen war es noch heißer geworden und ihre T-Shirts klebten schweißnass an ihnen. Xander sah so aus, als wollte er einen Wet-T-Shirt-Contest gewinnen. Der weiße Stoff war fast durchsichtig geworden, und Ben bemerkte ein paar kichernde Mädchen, die zu ihnen rüber blickten. »Wollen wir uns auf die Suche nach einem Restaurant fürs Mittagessen machen?«

»Was hast du heute eigentlich noch alles vor?«

»Ich wollte noch nach Gion. Das alte Geisha-Viertel. Da gibt es sehr viele traditionelle Läden und einen Schrein, den ich gerne noch besuchen würde.«

»Aber dann machen wir uns auf den Rückweg, oder?« Xander ließ die Schultern knacken. »Ich gebe das ja nur ungern zu, aber ich bin schon wieder kaputt.«

Enttäuschung machte sich in Ben breit. Er wäre gerne bis zum Abend in Kyoto geblieben.

Sie folgten einer schmalen Gasse den Hügel hinunter, die gesäumt war von kleinen Souvenirläden. In den ersten schleppte Ben Xander noch widerwillig hinein, aber das änderte sich, als sie feststellten, dass man die traditionellen japanischen Süßigkeiten, die es in den Läden gab, alle probieren konnte. Bis sie wieder an der breiten Hauptstraße, an der die Bushaltestelle lag, angelangt waren, hatten sie so viele Süßigkeiten gegessen, das keiner von ihnen mehr Hunger auf ein Mittagessen hatte.

* * *

Durch die Gassen Gions zu gehen, fühlte sich so an, als wäre er ins späte Mittelalter zurückversetzt worden. Die Holzfassaden der Läden, die farbenprächtigen Kostüme der Geishas (oder eher, was Ben für Geishas hielt) – nur die Schar der Touristen in Shorts und T-Shirts, mit Handys und Spiegelreflexkameras bewaffnet, passte nicht ganz ins Bild.

Als Ben den Eingang zu dem kleinen Schrein entdeckte, verlangsamte er seine Schritte. Er hatte sich noch nicht überlegt, was er Xander sagen sollte. Die Wahrheit wäre doch viel zu peinlich. Aber wenn er sich nicht bald etwas überlegte, wäre die Chance vertan. Er räusperte sich. »Ich weiß, du findest, dass Glücksbringer und so etwas unsinnig sind.«

Xander zog eine Augenbraue hoch. »Aber?«

»Ich will mir an dem Schrein dort etwas wünschen.«

»Was denn?«

»Wenn ich es dir sage, dann geht es nicht in Erfüllung.«

Xander nickte. »So wie bei einer Sternschnuppe?«

»Genau.«

»Dann mach schon.« Er nickte zu einem kleinen Straßenhändler, der Fleischspieße verkaufte. »Ich hol uns in der Zeit etwas zu essen.«

Bens Wangen brannten und er eilte auf das Schreingelände. Er folgte den anderen Besuchern erst zum innersten Heiligtum des Schreins. Er wusste nicht, wie man hier betete, aber die Hände zu falten und die Augen zu schließen, das war sicher nicht ganz verkehrt. Dann nahm er sich einen Streifen weißes Papier, spendete die dafür angemessenen hundert Yen und schrieb mit zitternden Fingern seinen Wunsch darauf.

Ich wünsche mir, dass Xander und ich ein richtiges Paar werden.

Dann reihte er sich hinter den anderen ein, die vor dem Enkiri-Enmusubi-Stein – ein Megalith mit einem Loch in der Mitte, der bedeckt von Wunschzetteln war – anstanden. Hauptsächlich Mädchen in Schuluniformen. Er konnte ihr Alter schwer schätzen, aber vermutlich waren sie nicht älter als vierzehn, fünfzehn.

Aus den Augenwinkeln sah er Xander gegen eine der Säulen des Eingangstors lehnen. Er aß einen Fleischspieß und behielt Ben im Auge.

Ben hob eine Hand zum Gruß und fixierte dann den Nacken des Mädchens vor ihm.

Endlich war er an der Reihe.

Er holte tief Atem, wiederholte in Gedanken immer wieder seinen Wunsch und krabbelte erst von vorne nach hinten durch das enge, staubige Loch und dann wieder zurück. Er blickte auf seinen kleinen, zerknitterten Wunsch und klebte ihn zu den tausenden anderen.

Er sah sich kurz um und entdeckte Xander vertieft im Gespräch mit einer jungen Japanerin. Mit einem mulmigen Gefühl schlich Ben auf ihn zu.

»Ernsthaft?«, hörte er ihn sagen, »Das ist doch lächerlich.«

»Was ist lächerlich?«, fragte Ben zaghaft.

Xander zuckte zusammen. »Na, was hast du dir gewünscht? Die Trennung oder die große Liebe?«

Es brannte in seinen Wangen.

»Die große Liebe also?« Er schüttelte den Kopf. »Du hättest mir doch ruhig sagen können, worum es hier wirklich geht. Aber ich hätte nicht gedacht, dass du so naiv bist, zu glauben, mit Magie könntest du mich für dich gewinnen. Liebe ist doch nichts, was man sich einfach wünscht und dann bekommt. Dass hier ist kein Märchen, in dem du mich mit einem Zettel verhexen kannst.« Er lachte auf. »Dabei hast …«

Ben drehte sich um, schob sich zwischen ein paar der Mädchen hindurch. Er wollte nicht weiter hören, wie Xander sich über ihn lustig machte. Auch wenn er recht hatte. So ein naiver Wunsch würde nichts ändern.

Ganz eindeutig liebte Xander ihn nicht. Xander nahm ihn nicht einmal ernst.

Ben ging rüber zum Stein, fand zwischen den tausenden japanischen Wunschzetteln schnell seinen eigenen, zupfte ihn wieder ab, zerknüllte ihn und warf ihn auf den Boden.

Vielleicht war das kindisch, aber dann war er halt ein Kind.

»Ben!«

Er drehte sich nicht um, ging stur weiter, verlor sich zwischen der Touristenschar. Xander sollte nicht sehen, dass er weinte.

* * *

Ben war so lange den Straßen gefolgt, bis er wieder auf der kleinen Straße war, die zum Kiyomizu-Dera führte und wo sie sich durch alle Süßigkeiten durchgefuttert hatten. Sie hatten so viel gelacht hier.

Ben zog die Nase hoch. Einfach wegzulaufen, das war wirklich kindisch gewesen. Aber in dem Moment hatte ihn Xanders Hohnlachen so auf dem Konzept gebracht, ihn daran erinnert, wie sehr Xander ihn auch verletzen konnte.

Sein Handy vibrierte in seiner Jackentasche.

Eine Nachricht von Xander.

Wo bist du?

Ben rieb sich über die Augen. Was sollte er antworten? Sollte er antworten?

Natürlich musste er – sie teilten sich noch für drei Wochen ein Hotelzimmer. So einfach könnten sie sich nicht aus dem Weg gehen.

Na gut, Xander könnte sich wahrscheinlich irgendwo anders ein Zimmer nehmen.

Eine zweite Nachricht ging ein.

Es tut mir leid. Können wir reden?

Bens Kehle verschloss sich, als würde eine Hand sie zudrücken und ihm den Atem nehmen. Plötzlich wurde er sich der vielen Menschen um sich herum erst wirklich bewusst.

Er musste hier weg.

Eilig rannte er zur Bushaltestelle. Das Glück war ihm hold und er erwischte den nächsten Bus zum Hauptbahnhof. Er war nicht einmal sonderlich voll.

Hastig tippte er eine Nachricht. 

Nein.

Ich fahr zurück.

Er lehnte den Kopf gegen das Fenster, sah aus den Augenwinkeln die Stadt an sich vorbeiziehen.

Sein Handy vibrierte nicht wieder. Die ganze Fahrt über zurück nach Osaka nicht. Und das leere Hotelzimmer fühlte sich schrecklich einsam an.

* * *

Ben wusste nicht, wie lange er schon auf der Seite zusammengerollt auf dem Bett gelegen hatte, als das Quietschen der Zimmertür ihn zusammenzucken ließ.

»Hey, bist du noch böse auf mich?«

Ben sagte nichts, kaute auf seiner Unterlippe. Was sollte er auch erwidern? Er hatte sich kindisch benommen, einfach so wegzulaufen. Xander hatte ihm schließlich von Anfang an gesagt, dass sie keine Beziehung haben würden. Er hatte die Wahrheit nur nicht akzeptieren wollen. Er war naiv gewesen zu glauben, er könnte ihn durch die Reise umstimmen. Dass Xander sein Verhalten lächerlich finden würde, lag doch auf der Hand.

»Also bist du noch böse auf mich. Und das ist der Beweis, dass es nicht funktioniert.«

Ben kräuselte die Stirn.

Im nächsten Moment vibrierte sein Handy.

Xander hatte ihm ein Foto geschickt. Ohne sich nach ihm umzudrehen, öffnete er das Bild, und schnappte nach Luft.

Es zeigte zwei Wunschzettel, die nebeneinander auf den Enmusubi-Enkiri-Stein klebten. Ben zerknitterter Zettel und ein zweiter von Xander.

Ich wünsche mir, dass Ben mir nicht mehr böse ist, wenn wir uns wiedersehen.

Das Bett knarzte, als Xander sich darauf setzte. »Ich wollte dich nicht verletzen. Ich … hab dich nicht ausgelacht, weil du an Wunder glaubst. Ich musste nur darüber lachen, dass du geglaubt hast, dass du die Unterstützung der Götter brauchst. Dass du nicht gemerkt hast, dass diese letzten drei chaotischen Tage ausgereicht haben, um die Dornenhecke zu durchdringen, die ich in den letzten Monaten gehegt und gepflegt hatte.«

Ben rollte sich auf die andere Seite, sah zu Xander auf. »Was willst du damit sagen?«

»Was glaubst du denn?«

Ben leckte sich über die Lippen. Die Angst, es auszusprechen, war immer noch zu groß. Die Angst, dass er Xanders Worte doch falsch interpretierte.

Xander seufzte. »Ich hab es dir wirklich nicht leicht gemacht in den letzten Monaten. Dabei wollte ich mir nur nicht eingestehen, was ich schon längst wusste. Eigentlich sogar schon nach unserer ersten Nacht, in der ich so viel verbockt habe, dass ich sicher war, dich nicht zu verdienen. Ein Teil von mir wusste es schon davor und wollte es nur nicht wahrhaben. Und ich habe dich von mir gestoßen, immer wieder, damit du aufgibst in mich verliebt zu sein und dir jemanden suchst, der besser für dich ist. Aber du warst zu hartnäckig und wolltest mich nicht aufgeben. Trotzdem konnte ich es nicht zulassen. Dass aus uns mehr wurde. Weil ich Angst hatte, dass diese Worte mich verletzlich machen würden. Und ich Angst hatte, dir diese Seite von mir zu zeigen. Diese Seiten von mir, die nicht perfekt sind.«

Ben kämpfte mit den Tränen, aber konnte nicht anders, als kurz aufzulachen. »Die kenn ich doch längst.«

Verspielt gab Xander ihm einen Klaps auf den Oberarm, wurde dann wieder ernst. »Nicht alle. Aber in den letzten Tagen habe ich gemerkt, wie sehr du bereit bist, über dich hinauszuwachsen. Wie gut es mir tut, bei dir zu sein, selbst wenn um uns herum die Welt zusammenbricht.« Er strich Ben mit den Fingerspitzen über die Wange. »Ein Teil von mir fühlt sich immer noch nicht bereit, mich darauf einzulassen, aber ich glaube, wirklich hundertprozentig bereit werde ich nie sein. Aber ich hab mich schon längst in dich verliebt und … ich will mit dir zusammensein.« Er lächelte. »Wenn du mich nach heute noch willst.«

»Natürlich will ich dich.« Er legte eine Hand an Xanders Wange, zog ihn zu sich herab und küsste ihn.

* * *

Die nächsten zweieinhalb Wochen vergingen wie im Flug. Sie schafften nicht die Hälfte von Bens ambitionierten Sightseeing-Programm – dafür verbrachten sie zu viel Zeit in ihrem Bett. Oder im Bad, nachdem sie festgestellt hatten, dass sie morgens meistens ungestört waren.

Freudentaumelnd hatte er Charlie eine Nachricht geschickt.

Xander und ich sind jetzt richtig, richtig zusammen. Du wirst dich an ihn gewöhnen müssen 😉

Charlies Antwort war ein erstauntes »Jetzt erst?«, über das Xander und er nur lachen konnten.

Sie waren noch einige Abende beim Karaoke gewesen und hatten schließlich mit Ayaka die Nummern getauscht, damit sie sich treffen konnten, sollte sie noch einmal in den USA sein. Oder, was wahrscheinlicher war, sollten sie beide noch einmal nach Japan fliegen, um den Rest des Sightseeing-Programms zu absolvieren.

Als sie dann am Montagmorgen bepackt mit Rucksäcken und Koffern den kleinen Aufzug hinab in den Eingangsbereich fuhren, seufzte Xander. »Das wird mir hier tatsächlich fehlen. Beim nächsten Mal sollten wir uns hier wieder ein Zimmer nehmen.«

»Ach, es soll kein Vier-Sterne-Hotel werden?«

Xander sah ihn aus den Augenwinkeln an. »Ein Vier-Sterne-Hotel wäre nicht so voller Erinnerungen.« Er nahm Bens Hand, hob sie an die Lippen und küsste sie. »Und das ist doch viel wichtiger als ein eigenes Bad oder ein King Size Bett.«

»Wenn du das sagst.«

Am Empfang wurden sie enthusiastisch verabschiedet.

»Er wird mir auch fehlen«, raunte Xander Ben zu, als sie ein letztes Mal für diese Reise durch die Eingangstür des Hotels traten.

»Das ganze Land wird mir fehlen.« Er sah zu Xander. »Du wirst mir fehlen, wenn wir nicht mehr vierundzwanzig Stunden aufeinander hängen.«

Xander schluckte, knetete die Hände. »Du hast doch jetzt deinen Abschluss. Irgendwelche Pläne für danach?«

»Am liebsten würde ich ja nach L.A., mir dort in irgendeinem Filmstudio einen Job suchen.«

»Warum tust du es nicht?«

»Es ist nicht so einfach, etwas Festes zu finden. Letztes Jahr hab ich mich etwas umgehört.« Er seufzte. »Ich muss erst eine Weile bei meiner Mutter im Keller wohnen, im Supermarkt jobben und ein bisschen Geld zur Seite legen, damit ich nicht aus meiner Wohnung fliege, wenn es mal etwas knapper wird.«

»Du kannst doch bei mir wohnen. So richtig.« Xanders Wangen waren feuerrot und Schweiß stand ihm auf der Stirn. »Es hat doch vorher schon geklappt und …«

»Aber ich will dir nicht auf der Tasche liegen.«

Xander grinste. »Du kannst mich ja mit Naturalien bezahlen, wenn du kein Geld hast.« Er zwinkerte. »Die Wiedergutmachung bist du mir immer noch schuldig.«

»Dann willst du wirklich gleich, wenn wir zurück sind, ins nächste große Abenteuer starten?«

»Das will ich. Und ich hoffe, dass dieses Abenteuer niemals aufhört.«

Ende