Ein verflixtes Weihnachtsdate

Wenn du gerade in Weihnachtsstimmung bist, gibt es hier als Bonusgeschichte noch ein kleines weihnachtliches Wiedersehen mit Nick und Quentin

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Ein verflixtes Weihnachtsdate

Aus voller Brust sang Quentin »Last Christmas« und genoss die wütenden Blicke der Weihnachtsmarktbesucher, die bisher nicht gewhamt worden waren. Es hatte Überzeugungsarbeit gebraucht, um die anderen Mitglieder der kleinen Weihnachtsband dazu zu kriegen, aber er hatte sie schlussendlich alle überzeugt, einmal jede Stunde den verhassten Weihnachtsklassiker zu singen.

Nach »Last Christmas« klatschten einige wenige, die vor der Bühne stehengeblieben waren. Es blieb nur noch ein letztes Lied, das Quentin als Weihnachtsmann/Frontsänger zum Besten geben würde. Das hier war nicht sein abstrusester Job gewesen, aber einer der amüsantesten.

Und während er »All I Want For Christmas Is You« schmetterte, dachte er daran, dass Nick ihn gleich abholte und sie sich mit Alexis und Damián zum Abendessen trafen.

Und dass Nick an Weihnachten Quentin alleine gehören würde. Drei ganze Tage, an denen Quentin ihn mit Freude wieder und wieder unter dem Weihnachtsbaum auspacken würde.

Die letzten Monate waren verdammt schnell vergangen! Morgen schon war Heiligabend – oder wie Quentin zu denken pflegte: »Sexy Christmas«, was hoffentlich zu einer Tradition würde.

Gut ein halbes Jahr waren Nick und er jetzt zusammen. Etwas, was Quentin immer noch kaum glauben konnte. Das waren weit mehr als die vierzehn Dates, die sie am Anfang anvisiert hatten. Bald müssten Sie die hundertvierzig voll haben, und Quentin hatte noch lange nicht genug von Nick.

Das Lied endete, das Klatschen fiel ein bisschen enthusiastischer aus, Quentin verbeugte sich und verließ die Bühne. Seine Bandkollegen – alle in grünen Elfenkostümen – klopften ihm auf die Schulter. Sie setzten sich zusammen an einen Tisch im angrenzenden Bierzelt.

Aus den Lautsprechern drang Weihnachtsmusik vom Band, während ihre Ablöse sich fertigmachte.

Erschöpft schälte Quentin sich aus dem schwitzigen Weihnachtsmannkostüm. Das Wetter hatte sich in diesem Jahr wieder nicht an die Jahreszeiten gehalten. Der Winter fühlte sich mehr wie Herbst an. Der dicke weißrote Mantel war viel zu heiß, und Quentins Hemd klebte ihm feucht am Rücken.

Er zog die Mütze und den falschen Bart ab und konnte gleich besser atmen.

Holz knarrte, Quentin sah auf.

Ihm gegenüber saß der Weihnachtsmann der Nachtschicht, der Bart und Mütze über den Tisch zu sich rupfte. »Fühlt sich noch ganz warm an«, kommentierte er und zwinkerte. »Sehr intim, findest du nicht? Wie du deine Wärme an mich abgibst. Vielleicht sollten wir uns nach Weihnachten doch mal auf einen Kaffee treffen, wenn wir wieder Zeit haben.«

Quentin verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf. Er hatte sich nicht einmal den Namen des anderen gemerkt. Wozu auch – er hatte Nick, und das war alles, was er wollte.

»Wie Schade, bei dir so auf Granit zu beißen. Das war mal anders.«

Quentin verdrehte die Augen. Weihnachtsmann #2 flirtete mit ihm, weil sie sich irgendwann im Frühjahr, lange vor Nick, in einem Club begegnet waren und rumgeknutscht hatten. Da war schon die Botschaft nicht bei dem Kerl angekommen, dass Quentin kein großes Interesse an ihm hatte. Sonst wäre es nicht bei Knutschen geblieben.

Aber wie hieß es so schön: Man sah sich immer zweimal. Und jede Großstadt war am Ende nur ein größeres Dorf.

Weihnachtsmann #2 schnalzte mit der Zunge, setzte sich Mütze und Bart auf. »Ich habe gerade meinen Ex entdeckt. Darf ich mich hinter dir verstecken? Bevor er mich sieht und anquatscht und ich vor Langeweile sterben muss. Die größte Enttäuschung und Zeitverschwendung meines Lebens.«

Nachdenklich leckte Quentin sich über die Lippen. »Wie hießt du noch mal?«

»Eric. Sag bloß, du hast es vergessen.«

»Ach, wie könnte ich dich vergessen.« Die Welt war wirklich viel zu klein. Er sah über die Schulter zurück und fand schnell Nick. Sein entgeisterter Blick klebte auf Eric, und seine Hände zitterten so sehr, dass er ihren Glühwein verschüttete. Hektisch blinzelte er, und Quentin wusste, welche Gedanken jetzt durch seinen Kopf schießen mussten.

Quentin stand auf, boxte Eric gegen den Oberarm. »Sorry, aber mein überaus unlangweiliger Freund wartet auf mich. Werde an dich denken, wenn ich wieder den besten Sex meines Lebens mit ihm habe.«

»Wa-was?«

»Nur ein Scherz. Ich werde gleich erst mal Bleiche trinken, um jede Erinnerung an dich aus meinem Gedächtnis zu tilgen.« Und dann würde er jede Erinnerung an Eric aus Nick rausvögeln, aber das musste er dem Arschloch nicht auf die Nase binden.

Er wandte sich um, sah Nick an, der immer noch so verletzt und ängstlich aussah. So eingeschüchtert, wie er ihn lange nicht mehr gesehen hatte. Wie am Anfang ihrer Beziehung. Etwas, von dem Quentin gehofft hatte, das Nick es längst abgeschüttelt hatte.

»Ich hätte dir ja mehr Geschmack zugetraut, als dich auf so einen Schlappschwanz einzulassen. Aber wahrscheinlich taugst du genauso wenig.«

»Ach, scheiß drauf«, murmelte er, drehte sich wieder zu Eric um und schlug ihm mit der Faust direkt ins Gesicht. Es knackte und Quentin war sich sicher, dass das nicht seine Fingerknöchel waren.

Einen Moment fühlte er Genugtuung, als sich Rot durch den weißen Rauschebart zog, dann bemerkte er das Blitzen der Kameras. Die Schlagzeilen konnte er sich lebhaft vorstellen.

»Unartiger Mann verprügelt Weihnachtsmann.«

* * *

»Das war nicht nötig«, wiederholte Nick zum dritten Mal, obwohl er sehr wohl fand, dass Eric die blutige Nase verdient hatte.

Doch Quentin war aus der Band geflogen – was er damit abtat, dass heute eh der letzte Tag auf dem Weihnachtsmarkt gewesen war und die Kündigung daher nicht tragisch. Es hätte allerdings weitere Aufträge geben können, Quentin hatte die Arbeit Spaß gemacht, und er war ein wirklich guter Sänger. Er war in so vielen Dingen wirklich gut.

»Es war nötig«, erwiderte Quentin. »Er hat mich den ganzen Monat mit seinem Geflirte genervt. Und als mir dann aufging, wer er war …« Er knuffte Nick in die Seite. »So beschissen, wie er küsst, sollte er echt die Klappe halten.«

Nick schmunzelte. Quentin hatte ihm von Weihnachtsmann #2 erzählt – dem Typen, mit dem er im Frühjahr, bevor sie sich kannten, in einem Club rumgemacht hatte, aber der nicht gut genug küssen konnte, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Nick wäre nie im Leben darauf gekommen, dass das ausgerechnet Eric gewesen war. Besonders, da sie im Frühjahr gedatet hatten. »Er hätte dich wegen Körperverletzung anzeigen können.«

»Hat er aber nicht. Wahrscheinlich, weil er genau weiß, dass er ein Arschloch ist und es verdient hat.«

»Allerdings.« Die kleine Rangelei hatte sie jedoch auch ohne Polizei einiges an Zeit gekostet. Statt gemütlich Glühwein zu trinken, zu Quentin nach Hause zu fahren, um zu duschen und sich umzuziehen, hatten sie es gerade noch rechtzeitig in das Restaurant geschafft, in dem sie sich mit Alexis und Damián treffen wollten.

(»Gerade noch rechtzeitig« hieß, zwanzig Minuten bevor sie verabredet waren – Alexis hatte geschrieben, dass sie in fünf Minuten da sein würden.)

Es war aufregend, die beiden nach einem halben Jahr wiederzusehen. Sie hatten zwar lose über Whatsapp Kontakt gehalten, aber das kam an ein echtes Gespräch nicht ran.

Sie setzten sich an ihren reservierten Platz, Quentin nahm Nicks Hand und küsste sie. »Bei dir ist alles gut, oder?«

Nick blinzelte überrascht. »Klar, warum?«

»Weil du den Arsch nach so langer Zeit unerwartet wiedergesehen hast. Du sahst … ängstlich und verletzt aus.«

»Lass uns da jetzt nicht drüber reden. Alexis und Damián sind jeden Moment da.«

Quentin sah ihn ernst an. »Deswegen sollten wir jetzt darüber reden. Damit wir sie versetzen können, solltest du lieber deine Ruhe haben wollen.«

Nick schüttelte den Kopf. »Das ist Eric nicht wert.« Er kaute auf der Unterlippe. »Es war im ersten Moment ein Schlag in den Magen. Die Erinnerungen und … eine seltsame Angst. Aber ich hab jetzt dich. Und ich weiß jetzt, dass seine verletzenden Worte mehr über ihn und seine Probleme ausgesagt haben, als über mich.«

»Zum Beispiel darüber, dass er beschissen küsst.«

Nick lachte. »Zum Beispiel.« Dass Quentin das gesagt hatte, hatte ihn in der Tat beruhigt. Es war nie berauschend gewesen, Eric zu küssen, aber Nick hatte die Schuld bei sich selbst gesucht, in seiner mangelnden Erfahrung. Nicht darin, dass sie vielleicht einfach nicht zusammenpassten. Er drückte Quentins Hand fest. »Aber er ist es wirklich nicht wert, noch weiter über ihn nachzudenken.«

»Dann …« Quentin zögerte einen Moment. »Bleibt es bei unserem Vorhaben mit Sexy Christmas?«

»Ich hab dich jetzt doch lange genug hingehalten.«

»Und ich hab dir oft genug gesagt, dass es mir nichts ausmacht. Wir haben grandiosen Sex, genau so, wie er jetzt ist.«

»Aber ich fühle mich bereit. Und dir muss richtiger Sex doch fehlen.«

Quentin legte ihm eine Hand an die Wange. »Wir haben richtigen Sex. Wer etwas anderes behauptet, weiß nicht, wovon er redet.« Er grinste. »Auch wenn ich dich nicht von der Bettkante stoßen werde.«

»Da bin ich beruhigt.« Wärme breitete sich in Nicks Körper aus. »Aber jetzt über Weihnachten, wenn wir das Haus ganz allein für uns haben, wenn wir uns so viel Zeit nehmen können, wie wir wollen, das ist die perfekte Gelegenheit und …«

Jemand quietschte auf.

Nick sah auf.

Damián stand fröhlich winkend im Eingang des Restaurants, Alexis mit einem schiefen Grinsen neben ihm.

Ganz untypisch für sich sprang Nick auf, eilte zu den beiden, umarmte erst Alexis und dann Damián. »Es ist so toll, euch beide wiederzusehen.«

»Es ist so schade, dass es nur heute klappt«, erwiderte Damián.

Alexis seufzte. »Ach ja, die liebe Arbeit.«

»Vielleicht klappt es ja noch mal zwischen den Jahren.«

»Vielleicht.«

Bevor sie weitere Pläne schmieden konnten, war es an Quentin die beiden zu begrüßen und zu umarmen.

Zu viert nahmen sie wieder Platz, orderten Getränke und ein leichtes Abendessen.

»Wie habt ihr Weihnachten verplant?«, fragte Alexis.

Nick hob die Schultern. »Meine Oma ist mit ihrem Freund in Urlaub auf Gran Canaria.« Er verdrehte die Augen. Einerseits freute er sich, Weihnachten nur mit Quentin verbringen zu können. Andererseits wäre es das erste Weihnachten ohne Familienfeier. »Jedenfalls haben wir über Weihnachten das Haus für uns.«

Quentin grinste. »Etwas, was wir voll und ganz ausnutzen werden. Und ihr?«

Damián knetete die Hände. Er wirkte ungewohnt nervös und angespannt. »Wir sind alle drei Tage bei meinen Großeltern. Am 29. fliegen wir schon wieder zurück, aber vielleicht schaffen wir es davor ja noch, uns mit euch zu treffen.«

Alexis nickte. »Das Gästezimmer sollten wir uns zumindest mal ansehen. Für die nächste Urlaubsplanung.«

Damián zuckte leicht zusammen. Lag es nur an seiner Allergie für das Wort »Planung«, oder wollte er vielleicht den nächsten Urlaub nicht in Deutschland verbringen? Was Nick ihm nicht verübeln konnte. Das Wetter war seit Wochen trübselig grau, es gab immer wieder kurze Regenschauer, und die Sonne sah man höchstens als helleren Fleck hinter der Wolkenschicht.

Aber auch Alexis wirkte bei den Worten irgendwie angespannt und wenig überzeugt. Stimmte etwas bei den beiden nicht?

Nick räusperte sich. Besser das Thema wechseln. »Das lässt sich auf jeden Fall einrichten. Und apropos Urlaub: Die Weintour für den nächsten Sommer haben wir letzte Woche schon gebucht. Meine Oma und ihr Freund kommen diesmal mit. Deswegen fahren wir erst im August, weil die beiden im Juni wieder nach Sylt wollen.« Von ihrer Reisebegleitung hatte Quentin sich nicht so begeistert gezeigt. Er hatte gequält gelächelt, als Nick ihm die Frohe Botschaft verkündete, dass seine Großmutter sie beide einlud. Als Wiedergutmachung, dass sie beim letzten Mal nicht dabei gewesen war. Das würde ein ganz anderer Urlaub als beim letzten Mal. Aber sie würden sich zumindest nicht zu viert ein Zimmer teilen.

Die Gesichter von Damián und Alexis hellten auf. Allerdings nicht so sehr, wie Nick gehofft hatte.

»Sagt mal«, warf Quentin ein, »was ist los mit euch?«

»Nichts«, antworteten sie wie aus einem Mund, sahen sich kurz an und dann wieder weg.

»Bilde ich mir die grauen Wölkchen um eure Köpfe also nur ein?«

Alexis kaute auf ihrer Unterlippe.

Damián rang mit den Händen. »Ich glaube, wir sind von der Reise noch erschöpft. Wir sind heute vormittag erst angekommen.«

Alexis nickte, aber ihr Gesicht verdüsterte sich noch mehr. »Das Wetter hellt die Stimmung auch nicht auf.«

»Alles ist gut«, fügte Damián hinzu, klang dabei jedoch mutlos.

Nick tauschte einen langen Blick mit Quentin.

Gab es Ärger im Paradies? Und war das ein schlechtes Omen für sie beide?

* * *

»The Trouble With Love Is« schallte aus den Lautsprechern, und Quentin sang enthusiastisch mit Kelly Clarkson mit. Heiligabend mit dem Soundtrack von »Tatsächlich … Liebe« einzuläuten war die einzige Familientradition, mit der er sich jemals hatte anfreunden können.

In Gedanken hing er noch bei dem seltsamen Abendessen gestern. Irgendetwas stimmte bei Damián und Alexis nicht – oder vielleicht war es einfach nur Familienweihnachten, was ihnen zusetzte.

Quentin war froh, dass er dieses Jahr um Familienweihnachten rumkam. Auch wenn er sich darauf einstellte, dass sein Vater motzen würde, weil Quentin Weihnachten vergessen hatte. Aber es lag nicht nur an ihm – seine Eltern hatten ihn nicht explizit eingeladen.

An seine Eltern wollte er gerade allerdings nicht denken.

Heute war Sexy Christmas angesagt. Und während der Braten im Backofen schmorte, machte Quentin sich daran, sich selbst festlich zu dekorieren.

Das Haus hatten sie am Morgen zu zweit hergerichtet. Dann hatte Quentin Nick den Einkaufszettel mit den letzten Zutaten fürs Weihnachtsessen in die Hand gedrückt – Nick hatte ein bisschen gemault, denn wer geht schon freiwillig Heiligabend einkaufen und sie hätten das alles ja längst erledigt haben können. Aber Quentin wollte die Überraschung perfekt machen. Deswegen durfte Nick nicht mitbekommen, dass er sich ein Weihnachtsmannkostüm zugelegt hatte, das um einiges knapper geschnitten war als das, was er auf dem Weihnachtsmarkt getragen hatte.

Während das Essen vor sich hin brutzelte, betrachtete er das Kostüm im Spiegel. Der rote Slip mit den grünen Schleifen und weißen Puscheln war etwas eng und knapp geschnitten. Er musste aufpassen, dass er sich nicht in einen Tanga verwandelte, wobei das auch heiß aussah. Dazu eine rot-weiße Weste, die kaum über seine Pobacken ging und einen tiefen V-Ausschnitt hatte. Er setzte sich noch die Mütze auf und schlüpfte in die flauschigen Rentier-Pantoffeln. Die gehörten zwar nicht zum Kostüm, aber um barfuß herumzulaufen, war es ein bisschen zu kalt.

Zufrieden mit dem Ergebnis setzte er sich im Wohnzimmer auf die Couch. Er würde Nick im Flur begrüßen, sobald der die Tür aufschloss.

Der Geruch aus der Küche machte ihn hungrig, aber der Hunger auf Nick war größer.

Es klingelte.

Natürlich käme jetzt noch die Post. Quentin sah an sich herab. Tja, der Postboten sollte sich bei diesem Anblick glücklich schätzen. Trotzdem zog Quentin die Weste ein bisschen enger zu, damit man nicht zu viel von seiner Brust sah, und ging zur Tür.

Es klingelt ein zweites Mal, diesmal länger.

Der Postbote war doch normalerweise nicht so hartnäckig.

Quentin trat an die Tür, öffnete sie einen Spalt und spähte hinaus.

Es war nicht der Postbote. Es war Alexis – das Make-up verschmiert und verheult, als wäre jemand gestorben.

Aber gestorben war wohl nur Sexy Christmas.

* * *

Nick saß auf der Couch neben Alexis, die noch kein Wort gesagt hatte, und rieb ihr über den Rücken. Quentin saß auf Alexis’ anderen Seite – in dem unverschämt knappsten Weihnachtsmannkostüm, das Nick sich vorstellen konnte, und das verboten gut an ihm aussah.

Es war eine surreale Situation gewesen, als er beladen mit Einkäufen die Tür aufschloss, Alexis heulend in Quentins Armen lag und im Hintergrund »Jump (For My Love)« spielte.

Alexis zog schniefend die Nase hoch. »Es tut mir so leid, dass ich euer Weihnachten ruiniere. Aber …« Sie brach wieder ab und schluchzte.

Er hatte sie bisher so stoisch und beherrscht erlebt, dass das gerade nicht zusammenpassen wollte. »Gestern, da … da hattet ihr vollkommen recht. Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendetwas mit Damián stimmt nicht, irgendetwas verheimlicht er mir. Das geht schon seit Wochen so, dass er nervöser als sonst ist, abwesend wirkt, als … als … gäbe es jemand anders. Dabei …« Sie schob ihre Hände in die ausladenden Taschen ihrer Strickjacke. Nick sah, das sie die Hände zu Fäusten ballte und mit der einen Hand schien sie etwas zu umklammern. »Und ihn so zu sehen hat mich jeden Tag gereizter gemacht und … Ich weiß gerade nicht einmal mehr, worüber wir uns eben gestritten haben, nur dass ich raus musste. Weg von ihm, weg von der ganzen Situation.«

Ein bitterer Geschmack legte sich über Nicks Zunge. Die beiden waren immer so harmonisch und verliebt gewesen. Sie waren für ihn der Beweis, dass Gegensätze wirklich gut zusammenpassten. Die Absicherung, dass Quentin und er zusammen funktionieren konnten, auf Dauer. Er warf Quentin einen Blick zu, dem das Gleiche durch den Kopf zu gehen schien.

Alexis schluchzte erstickt. »Ich glaube, ich muss mir das Gästezimmer heute alleine ansehen.«

Ein beißender Geruch trat Nick in die Nase. Sie mussten doch irgendetwas tun können?

»Fuck!«, schrie Quentin und sprang auf. »Der Braten!« Er eilte in die Küche, fluchte vor sich hin. »Das ist kein Braten mehr, sondern ein Brikett. Ich bestell uns Pizza, okay?«

»Okay!«, rief Nick.

Alexis rieb sich über das Gesicht. »Jetzt hab ich auch noch euer Essen ruiniert.«

»Nicht schlimm. Pizza ist doch auch gut.«

Quentin kam zurück ins Wohnzimmer. »Die Pizza sollte in einer halben Stunde geliefert werden.«

»Danke, dass ihr für mich da seid.« Aus rot geweinten Augen starrte sie vor sich hin. »Das alles ergibt keinen Sinn. Vor ein paar Wochen war alles noch so perfekt, und dann plötzlich, gerade als …« Sie schluckte, schüttelte den Kopf. »Kann ich etwas zu trinken haben?«

»Klar. Wasser? Oder willst du einen Kaffee?«

»Kaffee«, erwiderte Alexis mit leister Stimme.

Nick stand auf. »Kommt sofort.« Er ging in die Küche. Der Braten war noch im Backofen. Er war ein bisschen dunkel, aber so verbrannt sah er gar nicht aus. Und warum hatte Quentin die Herzoginkartoffeln in den Backofen geschoben, wenn er Pizza bestellt hatte?

Nick kam nicht dazu, über die Frage nachzudenken, da klingelte es.

»Oh, da hat sich der Pizzabote aber beeilt«, stieß Quentin aus.

Nick brachte den Kaffee ins Wohnzimmer. Es wunderte ihn nicht, dass Quentin mit keiner Pizza zurückkehrte, sondern mit einem sehr niedergeschlagenen Damián. »Hi«, stammelte er und wirkte verloren jung und winzig, viel jünger als dreiundzwanzig.

»Hi«, erwiderte Nick und warf einen Blick zu Alexis, die sich auf der Couch wand.

Sie sah nicht auf zu Damián, ihr ganzer Körper war angespannt, als wäre sie fluchtbereit.

Damián rieb sich über den Nacken. »Ich hätte mir denken können, dass du hier bist.«

Nick fragte sich, ob er zurück in die Küche gehen und den beiden Raum geben sollte. Aber er konnte sich nicht rühren. Als könnte jede noch so kleine falsche Bewegung jetzt alles zum Explodieren bringen.

»Es tut mir leid.« Damián lachte trocken auf. »Dabei erinnere ich mich gar nicht mehr so genau, was ich überhaupt gesagt habe, dass dich so verletzt hat. Und dass ich mich nicht erinnere, tut mir auch leid. Ich bin die letzten Wochen so durch den Wind und nervös. Und ich habe die ganze Zeit das Gefühl, dass du irgendetwas vor mir verheimlichst. Dass da etwas Großes ist, was du mir nicht sagst. Und das macht mir noch mehr Angst.«

Wie seltsam, dass seine Worte das Echo von dem waren, was Alexis ihnen erzählt hatte.

Alexis sah zum ersten Mal zu ihm auf, stand auf und tat einen Schritt auf ihn zu. Sie rieb sich mit dem Handrücken über die Augen. Die andere Hand war noch in ihrer Jackentasche, zur Faust geballt. »Ich hatte genau das gleiche Gefühl. Was verheimlichst du vor mir?«

Damián biss sich auf die Unterlippe, sein Blick huschte durch den Raum, dann sank er auf die Knie und holte eine kleine schwarze Box aus seiner Hosentasche.

Oh Gott, wo war Nicks Handy? Er musste das filmen. Es lag auf dem Couchtisch, zu dem er jetzt nicht hechten konnte, ohne die ganze Atmosphäre zu zerstören. Da bemerkte er, dass Quentin geistesgegenwärtig sein Handy längst gezückt hatte und den Moment auf ewig festhielt.

Damián räusperte sich. »Alexis Suárez Cabrera, willst du …«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst«, platzte Alexis hervor. Die Augen weit aufgerissen erinnerte ihr Gesichtsausdruck an das »surprised Pikachu« Meme.

Einen Moment fror die Zeit ein. Damián sah aus, als würde er jeden Augenblick anfangen zu weinen.

Dann sank Alexis vor ihm auf die Knie, zog ihre Faust aus ihrer Jackentasche und öffnete sie. Darin lag eine kleine Schmuckschatulle. »Damián de la Fuente, willst du mich heiraten?«

Damián blinzelte, lachte auf. »Ja, ja ich will. Und du?«

Alexis lächelte ihn an. »Ja, ja, ich will nichts mehr.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich dachte, du würdest mir eine Affäre verheimlichen. Und das ausgerechnet, nachdem ich dir einen sauteuren gravierten Verlobungsring gekauft habe.« Sie nahm den Ring aus der Schatulle und steckte ihn an seinen Finger.

»Was soll ich erst sagen? Ich dachte, du hättest dir doch noch einen Bänker geangelt, nachdem Nick dich auf den Geschmack gebracht hat.« Er steckte ihr den anderen Ring an, in dem drei kleine Diamanten funkelten. »Dabei haben wir uns einfach nur selbst nervös gemacht.«

»Und gegenseitig.« Sie blickte auf ihre Hände, blinzelte die Tränen weg, dann sah sie zu Nick und Quentin. »Da muss ich mich wohl wieder bei euch bedanken. Dass ihr meine Beziehung gerettet habt.«

Quentin reichte ihr ein Glas Sekt – wo hatte er den Sekt so schnell hergeholt? »Ich fürchte, die ganze Anerkennung haben wir nicht verdient. Trotzdem sollten wir anstoßen.«

* * *

Um Damián und Alexis einen Moment alleine zu lassen, zog Quentin Nick mit sich in das Gästezimmer.

Mit dem Zeigefinger fuhr Nick über Quentins Brust, hinterließ eine warme Spur auf seiner Haut, die Quentin erschauern ließ. »Das ist also das Geschenk, dass ich heute hätte auspacken sollen.«

»So war es gedacht.« Er zwinkerte. »Wenn du einen Ring willst, musst du dich noch ein bisschen gedulden.«

Nick seufzte. 

Hoffentlich war Quentin gerade in kein Fettnäpfchen getreten.

»Ich wollte dir keinen Antrag machen, wenn du das gerade denkst.«

Hastig blinzelte Quentin. »Wieso?«

»Du bist blass geworden.« Nick lächelte schief. »Aber die Vorstellung gefällt mir. Du und ich vorm Traualtar. Irgendwann. Aber noch nicht jetzt. Ich mag nur schon ein bisschen davon träumen.« Er beugte sich vor und küsste Quentin.

Quentins Handy klingelte, er seufzte. »Wir müssen jetzt leider essen. Sonst verbrennt uns unser Braten doch noch.«

Hastig streifte Quentin sich seine Jeans über, die auf dem Gästebett lag, tauschte die Weste gegen einen Pullover ein und schmiss die Weihnachtsmann-Mütze aufs Bett.

»Da werde ich fürs Auspacken wohl ein bisschen länger brauchen«, sagte Nick und zwinkerte.

Sie kehrten ins Wohnzimmer zurück. Damián und Alexis saßen aneinander gekuschelt auf der Couch, die Köpfe zusammengesteckt. »Bleibt ihr noch zum Essen? Ich hab eh viel zu viel gekocht.«

»Wenn es euch wirklich nichts ausmacht.« Damián rieb sich über die Augen. »So wirklich Lust auf Familienweihnachten habe ich gerade nicht.«

Nick holte noch zwei Gedecke hervor, und sie setzten sich zusammen an den Esstisch. Die nächste halbe Stunde redeten sie nicht viel, sondern aßen nur. Als es Zeit für den Nachtisch war, nahm Nick Weingläser aus dem Regal und eine Flasche Riesling.

Damián rümpfte die Nase.

»Tut mir leid, den guten spanischen Wein haben wir schon getrunken.«

Nick schenkte gerade den Wein ein, als Quentins Telefon erneut klingelte. Diesmal war es kein Alarm. Diesmal waren es seine Eltern.

Quentin schluckte, alle Blicke lagen auf ihm.

»Willst du nicht rangehen?«, fragte Nick und legte den Kopf schief.

Quentin verzog das Gesicht. »Ehrlich gesagt nein, aber ich habe wohl keine andere Wahl.« Er nahm das Gespräch an. »Hallo Papa.«

»Aha, du erinnerst dich also noch daran, dass du einen Vater hast.« Wie sollte er das vergessen? »Willst du dazu nichts sagen?«

»Doch, doch, die letzten Wochen waren ein bisschen stressig. Tut mir leid. Ich hab nicht drang gedacht anzurufen. Wegen Weihnachten, also …«

Nick kräuselte die Augenbrauen.

»Du kommst morgen natürlich. Deine Großeltern und dein Großonkel sind eingeladen. Wollen ihren einzigen Enkel mal wiedersehen.«

»Muss das sein? Ich hatte eigentlich für morgen Pläne.«

»Ja, muss es. Es ist Weihnachten, Quentin, und bei deinen Plänen hättest du berücksichtigen können, dass wir jedes Jahr am ersten Weihnachtstag ein Familienessen haben. Seit über dreißig Jahren.«

»Okay«, erwiderte er gedehnt. »Wenn ich morgen vorbei kommen soll, dann aber nur, wenn auch mein Freund mitkommen darf.«

»Du hast deinen Freund noch?«

»Ja? Nick und ich sind jetzt über ein halbes Jahr zusammen.«

»Gut, dann bleibt zumindest nicht wieder ein Stuhl am Tisch frei.«

Quentin presste die Lippen aufeinander, nickte vor sich hin.

»Und deine Mutter wird dein altes Zimmer herrichten, damit ihr da übernachten könnt. Ich kann euch doch gefahrlos in einem Zimmer schlafen lassen, oder?«

»Papa, ich werde ihn ja wohl kaum versehentlich schwängern.«

Jetzt tauschten Nick, Damián und Alexis irritierte Blicke aus.

»Quentin, was redest du so mit mir?«

Was redete sein Vater so mit ihm? Er biss sich auf die Zunge. »Sorry, wir werden uns benehmen. Nick ist ein anständiger Kerl.«

»Gut, seid morgen um drei zum Kaffee da.«

»Bis …« Da hatte sein Vater schon aufgelegt. Quentin stöhnte genervt auf. »Ich hatte so gehofft, Familienweihnachten umgehen zu können.«

»Du hattest mir gesagt, ihr würdet Weihnachten nicht zusammen feiern.« Er sah ein bisschen gekränkt aus. »Liegt es an mir? Wolltest du … mich nicht vorstellen?«

»Nein, das ist es nicht. Im Gegenteil. Dich werden sie sicher mit offenen Armen empfangen. Es ist nur … meine Eltern sind schwierig.« Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Er würde sich anhören müssen, wie viel besser sich die Kinder von Vaters Arbeitskollegen machten. Und das Quentin endlich anfangen sollte, etwas aus seinem Leben zu machen. Und jeder Fehler würde ihm ein weiteres Mal vorgehalten werden. »Mach dir keine Sorgen. Sobald Sie Bank hören, werden sie dich vergöttern.«

»Okay …« Nick nippte an seinem Weinglas. Er sah nicht überzeugt aus. Dabei wusste Quentin ganz genau, dass Nick nicht derjenige war, der sich Sorgen machen musste.

* * *

Bis Damián und Alexis sich am späten Abend verabschiedeten, hatten sie auch keinen deutschen Wein mehr im Haus, obwohl Damián nur Wasser getrunken hatte. Quentin hatte bei der Aussicht auf den kommenden Tag ordentlich zugelangt. Nick ebenso.

Er war wieder so beschwipst wie nach der ersten Weinprobe und schaffte es nicht mehr die Treppe hoch ins Schlafzimmer, sodass sie ins Gästezimmer auswichen, das schon halb Quentins Zimmer war.

Sie hatten noch nicht darüber gesprochen, aber vielleicht war es langsam an der Zeit, offiziell zusammenzuziehen. Quentin war ohnehin öfter hier als in der WG.

Doch genau wie sich zu verloben war der Gedanke einschüchternd.

»Woran denkst du?«, nuschelte Nick ihm ins Ohr.

Er war überrascht, dass Nick noch nicht eingeschlafen war. »Wie schade es ist, dass du zu betrunken bist, um mich auszupacken.«

Nick kicherte. »Nein. Woran denkst du wirklich?«

Quentin schnalzte mit der Zunge. »Ergibt es denn Sinn, mit dir darüber zu reden, oder hast du es morgen einfach wieder vergessen?«

»Weiß nicht. Vielleicht hab ich es bis morgen wieder vergessen, vielleicht auch nicht.«

Quentin seufzte. »Ob wir zusammen ziehen sollten, das hab ich mich gefragt. Ob es Zeit für den Schritt wäre. Es offizieller und ernster zu machen.«

»Ich finde, wie sind schon ganz offiziell und ernster müssen wir nicht sein.«

»Das aus deinem Mund.«

»Morgen lerne ich deine Familie kennen. Offizieller geht es kaum. Das macht mich gerade verdammt nervös. Dass ich alles ruinieren könnte und … na ja, du würdest dich nicht von mir trennen, nur weil sie mich hassen, oder?«

»Sie werden dich nicht hassen. Sie werden dich mehr lieben als mich. Du bist der perfekte Schwiegersohn, und ich bin die Enttäuschung.« Das hörte sich so verdammt verbittert an. »Aber selbst wenn sie dich hassen, ich würde mich für dich entscheiden, nicht für sie.«

Nick drückte ihn, küsste ihn auf die Halsbeuge. »Du bist keine Enttäuschung. Vielleicht hast du sie enttäuscht, aber das macht dich nicht zu einer Enttäuschung.«

»Ah, meine eigenen Argumente auf mich zurückzuwerfen, wie unverschämt von dir.«

Nick kicherte wieder leise. »Furchtbar, nicht? Aber sie sind deine Eltern, deine Familie. Es ist ihre Pflicht, dich genau so zu lieben, wie du bist.«

»Das schließt sich ja nicht aus. Ich glaube, ich bin eine so große Enttäuschung für sie, gerade weil sie mich lieben. Weil sie sich mehr für mich wünschen würden.«

»Du meinst wegen deiner Arbeit?«

»Eher weil ich keine habe. Keine sichere Zukunft.«

»Meinte ich doch.« Er grummelte etwas. »Aber bist du denn unglücklich, wie es jetzt ist?«

»Nein.«

»Das ist doch das Wichtigste. Dass du glücklich bist. Mehr sollten sie nicht von dir verlangen.«

Quentin drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. »So sollte es sein. Aber die Dinge sind nicht immer so, wie sie sein sollten. Aber lass uns jetzt schlafen. Morgen wird ein verdammt langer Tag.«

* * *

Der nächste Tag startete für Nick mit Kopfschmerzen. Er hätte es besser wissen sollen, anstatt so viel zu trinken. Er kannte sich doch.

Vage erinnerte er sich an ein Gespräch mit Quentin letzte Nacht, bevor er eingeschlafen war. Nick hatte gedacht, nur er wäre nervös, aber Quentin schien nervöser zu sein, als er sich jetzt anmerken lassen wollte.

Zum Frühstück knabberten sie ein bisschen an dem Kräuterbrot, das sie gestern zum Abendessen aufgebacken hatten.

Im Wohnzimmer standen noch die Weingläser und die Kisten der Gesellschaftsspiele.

Nick räumte alles weg und setzte sich auf die Couch, nippte an seiner dritten Tasse Kaffee.

Sie mussten heute Mittag mit dem Zug los, um rechtzeitig zum Kaffee am Nachmittag da zu sein, und Nick wusste nicht, was er die letzten Stunden vor ihrer Abfahrt mit sich anfangen sollte. Er hatte eine kleine Reisetasche gepackt und drei Mal kontrolliert, ob alles eingepackt war, was er brauchen würde.

Bei dem Gedanken, die Nacht in Quentins Elternhaus zu verbringen, wurde ihm schlecht. Obwohl es gar keine so große Sache war. Er hatte Quentin an dem Abend, als sie aus Spanien zurück waren, mit nach Hause genommen und seiner Großmutter vorgestellt. Er hatte sich nichts dabei gedacht und fragte sich jetzt, ob er Quentin damit nicht furchtbar überrannt hatte.

(Wenngleich Quentin nicht den Eindruck gemacht hatte.)

Quentin setzte sich neben ihn, knetete die Hände. »Wir könnten einen Zug früher nehmen, wenn wir jetzt schon mit allem fertig sind.«

Nick hob eine Augenbraue. »Du willst früher da sein?«

»Ich …« Er unterbrach sich, mahlte mit dem Kiefer. »Nein, ich will nicht früher da sein. Aber ich will auch nicht riskieren, zu spät da zu sein, weil die Bahn mal wieder vergessen hat, dass es Winter ist und ja schneien könnte. Oder gelangweilte Kinder auf den Gleisen spielen. Ich will nicht, dass es schon damit anfängt, dass sie sich darüber aufregen, dass ich unzuverlässig bin und nichts auf die Reihe kriege. Mein Vater war ja gestern schon sauer genug.« Er stützte den Kopf auf den Händen ab und raufte sich die Haare. »Ich bin achtundzwanzig, wohne in einer WG und habe alle zwei Monate einen anderen Job. Als mein Vater achtundzwanzig war, war er Offizier bei der Luftwaffe, seit neun Jahren verheiratet und ich war vier.«

»Ich wusste nicht, dass dein Vater bei der Bundeswehr ist.«

Quentin zuckte mit den Achseln. »War. Er hat mit Anfang dreißig aufgehört, weil die Dienstzeit abgelaufen war, und ist jetzt Fluglehrer. Ich hätte Pilot werden sollen, aber … ich hab Flugangst und mein räumliches Vorstellungsvermögen lässt zu wünschen übrig. Und der Gedanke so einen riesigen Metallvogel zu steuern macht mich schon nervös und … ich wollte es einfach nicht. Davon abgesehen war ich ohnehin eine Niete in Mathe und allen Naturwissenschaften.«

»Das hast du mir nie erzählt.«

»Ich denke auch nicht gerne oder viel darüber nach. Sie waren schon enttäuscht, dass ich Geisteswissenschaften studieren wollte und nicht zumindest so was wie Wirtschaft.« Er schüttelte sich. »Und dann studiere ich ewig und mach nicht einmal etwas damit.« Er stieß ein Geräusch aus, das eine Mischung aus Grummeln und Jammern war. »Deswegen hasse ich Familienfeiern. Weil es mich immer daran erinnert, dass ich ihre Erwartungen nicht erfülle. Und weil es diese weinerliche Seite von mir herauskehrt, die ich absolut nicht mag.«

Nick rieb ihm über den Rücken. »Aber ich mag die Seite an dir. Ich mag jede Seite an dir. Und ich bin froh, dass du sie mir zeigst.« Er holte tief Atem. »Hast du jemals mit ihnen wirklich darüber geredet? Wie du dir dein Leben vorstellst und was dich glücklich macht?«

Er schüttelte den Kopf. »Du kennst mich doch. Ich habe keine Vorstellung meiner Zukunft, keine großen Pläne, die ich mit ihnen teilen könnte. Und das ist etwas, was sie einfach nicht verstehen. Dass es mir am wichtigsten ist, im Hier und Jetzt zu sein, statt von einer ungewissen Zukunft zu träumen.«

»Vielleicht, wenn du es ihnen noch einmal erklärst …« Quentins Körper spannte sich an. »Oder auch nicht. Du musst dich ihnen nicht erklären. Und heute bist du nicht allein. Du hast mich in deinem Rücken.«

»Vielleicht könnten wir auch zu Hause bleiben, und du vögelst all meine Zweifel aus mir heraus.«

Nick lachte. »Knalltüte.«

»Das war ein ernsthafter Vorschlag. Wir könnten behaupten, der Zug wäre ausgefallen. Oder wir hätten kurzfristig kein Ticket mehr gekriegt. Oder irgend so was.«

»Wir ziehen das jetzt durch.« Er lehnte sich nah an Quentins Ohr. »Aber wenn wir morgen zurück sind …«

»Dann ist Zeit für Sexy Christmas?«

»Darauf kannst du wetten.«

* * *

Quentins Eltern waren anders, als Nick sie sich vorgestellt hatte. Er hatte erwartet, dass sie seinen eigenen Eltern ähneln würden. So wie Quentin ihn manchmal an sie denken ließ – an ihre Abenteuerlust und Furchtlosigkeit.

Aber Quentins Eltern waren genau das Gegenteil. Sein Vater, Joachim, hatte einen kurzen Militärhaarschnitt, einen ernsten Gesichtsausdruck und trug tatsächlich einen Anzug. Seine Mutter, Marlies, hatte ihre langen Haare hochgesteckt – Nick fragte sich, ob das Blond noch echt war – und trug ein Kostüm, das nach Chanel oder so aussah.

Das Wohn- und Esszimmer, in das sie ihn führten, war dominiert von dunklen schweren Möbeln und dem in edlem Rot und Silber geschmückten Weihnachtsbaum.

Bisher hatten sie nur eine kurze, höfliche Begrüßung ausgetauscht und sich einander vorgestellt. Und das hatte ausgereicht, dass Nick jedes weitere Wort im Hals stecken blieb. Er knetete die Hände – die rechte tat von Joachims Händedruck immer noch ein bisschen weh.

»Es hat ja lange genug gedauert, dass du endlich jemand mit nach Hause bringst«, brach Joachim das Schweigen.

Quentin lächelte gequält.

»Ich würde gerne behaupten, schon viel von dir gehört zu haben, Nick, aber ich höre ja generell nicht sehr viel von meinem Sohn.«

Nervös kicherte Nick. Was sollte er darauf erwidern?

Marlies legte eine Hand an Joachims Oberarm. »Jo, schüchtere den Armen doch nicht so ein. Nick, es freut uns sehr, dich kennenzulernen. Und wir freuen uns schon, mehr von dir zu erfahren.«

Joachim schnalzte mit der Zunge. »Ja, ob du auch so ein Luftikus bist«, murmelte er, wofür er einen Hieb mit dem Ellbogen von seiner Frau kassierte.

Quentin räusperte sich übertrieben, seine Wangen waren gerötet und irgendwie sah er gerade wie ein kleiner, verletzlicher Junge aus. Nicht wie Nicks starker, unverwüstlicher Held, der in den vergangenen Monaten so viel getan hatte, damit Nick sich besser fühlte. Nick legte ihm sanft eine Hand in den Rücken. Jetzt war es wohl an ihm, der Fels in der Brandung zu sein.

»Ich arbeite als Finanzberater in der PNO-Bank, hauptsächlich für Geschäftskunden. Ich hoffe, das ist euch bodenständig genug. Ein Foto von meinem Haus und meiner Jacht habe ich leider nicht dabei.« Das war nur halb geflunkert. Das Haus würde er von seiner Großmutter erben. Und auch wenn er selbst seit siebzehn Jahren keinen Fuß mehr darauf gesetzt hatte und »Jacht« vielleicht die falschen Assoziationen weckte, gehörte ihm das alte Segelboot seiner Eltern.

Joachim sah ihn blinzelnd an, sah dann zu Marlies und anschließend zu Quentin, nickte anerkennend. »Und da meinst du es ernst mit Quentin?«

Marlies gab ihm einen Klaps. »Jo!«

»Was? Ich habe mir für unseren Sohn nicht vorgestellt, dass er zum Trophy Husband wird. Das klingt doch nicht so, als hätten sie viel gemeinsam.«

Gequält lächelte Marlies. »Wollen wir uns nicht erstmal setzen und einen Kaffee trinken?«

»Gute Idee«, murmelte Quentin, aber statt sich zu setzen eilte er zurück in den Flur und durch eine Tür, die vermutlich in die Küche führte.

Nick sah zwischen Joachim und Marlies hin und her, unschlüssig, ob er Quentin folgen sollte oder der gerade einen Moment seine Ruhe brauchte. Oder vielleicht nur irgendetwas aus der Küche holte.

»Setz dich doch«, sagte Marlies zuckrig-süß, aber da war auch eine Schärfe in ihrer Stimme, die ihn gehorchen ließ.

Es war für zehn Leute gedeckt – wer wohl noch alles kommen würde? – und er setzte sich auf einen der beiden Plätze, die eher mittig lagen. Joachim saß mit Sicherheit über Kopf und Nick wollte nicht neben ihm sitzen.

Quentin kehrte aus der Küche zurück, einen Süßstoffspender in der einen und ein Milchkännchen in der anderen Hand.

Joachim schnalzte mit der Zunge. »Trinkst du Kaffee immer noch nicht schwarz?«

»Nein«, entgegnete Quentin, und seine Stimme klang so klein und verloren. Er stellte beides auf den Tisch und setzte sich neben Nick.

Marlies eilte um den Tisch herum und schenkte ihnen Kaffee ein. »Mit Kuchen und Plätzchen warten wir aber, bis die anderen da sind.«

Hoffentlich kamen die bald. Nick hatte den großen Drang, etwas Süßes zu knabbern – und nicht mehr der alleinige Fokus von Joachims Aufmerksamkeit zu sein. Das Schweigen wurde langsam unangenehm.

Nick räusperte sich. »Um auf die Frage von eben zurückzukommen. Es ist mir sehr ernst mit Quentin. Wir denken darüber nach, zusammenzuziehen.« Zumindest glaubte er, sich zu erinnern, dass sie gestern darüber geredet hatten – verdammter Wein! »Vielleicht haben wir auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam, aber wir ergänzen uns sehr gut und …« Er warf Quentin einen Seitenblick zu. »Ich liebe ihn sehr.«

Quentin blinzelte heftig, seine Lippen bebten, aber er sagte nichts, nahm nur Nicks Hand und drückte sie fest.

Joachim schnalzte mit der Zunge, als wäre er nicht überzeugt. »Was macht die Arbeit, Quentin?«, wechselte er das Thema.

Quentin spannte sich noch mehr an, zuckte mit den Achseln, aber sagte wieder nichts.

»Nur weil du jetzt einen Freund mit einem anständigen Job hast, darfst du dich nicht von ihm aushalten lassen.«

»So ist das nicht«, erwiderte Quentin und klang patzig, kneteten die Hände und seine Wangen färbten sich rot.

Wahrscheinlich sollte Nick Joachim nicht erzählen, dass sie zusammen gekommen waren, weil Nick Quentin zu einem Urlaub eingeladen hatte. Auch wenn der Eindruck, den Quentins Vater hatte, nicht im Geringsten stimmte.

Joachim schnalzte mit der Zunge, murmelte etwas, was Nick nicht verstand – aber der abschätzige Tonfall sagte alles.

Nicks linkes Augenlid zuckte, und er mahlte mit dem Kiefer, die Lippen fest aufeinander gepresst. Wut brachte ihn nicht weiter, aber es fiel ihm schwer, sie jetzt zu unterdrücken. Wie konnte Joachim so etwas über sein eigenes Kind denken? Aber was sollte Nick jetzt dazu sagen? Wie sollte er die Situation deeskalieren? Das hier war viel zu ungewohnt und neu für ihn. Doch so wie es aussah, musste er etwas sagen, sonst würde das Schweigen sie erdrücken. Er räusperte sich, setzte an, als es klingelte.

Marlies und Joachim standen beide auf und gingen in den Flur.

Quentin seufzte, seine Schultern sanken herab, er schüttelte den Kopf. »Bist du immer noch froh, dass ich dir diese Seite zeige. Magst du sie immer noch?« Seine Stimme war ein kratziges Flüstern.

Nick nahm Quentins Hand, verschränkte ihre Finger ineinander. »Ich liebe dich.« Er warf einen flüchtigen Blick Richtung Flur, senkte die Stimme. »Tut mir leid, das zu sagen, aber dein Vater ist ein Arschloch.«

Ein kleines Lächeln zupfte an Quentins Mundwinkeln. »Ich fürchte, er denkt, das müsste er als guter Vater sein. Um mich anzutreiben. Dabei brauche ich niemand, der mich antreibt.«

Nick legte ihm die Hand in den Rücken, rieb ihn zwischen seinen Schulterblättern. »Wir stehen das zusammen durch, und morgen wird alles wieder gut.«

Die murmelnden Stimmen aus dem Flur wurden lauter, und Marlies kehrte mit einem älteren Mann in das Wohnzimmer zurück. »Stell dir das vor, Quentin, du bist nicht der Einzige, der heute jemand Neues mitgebracht hat. Onkel Theo hat eine neue Flamme.«

Nick nahm einen Schluck Kaffee – zum gänzlich schlechtesten Zeitpunkt, wie sich herausstellte, als die neue Flamme ins Wohnzimmer trat. Er prustete und spritzte den Kaffee über den gesamten Tisch.

»Roswitha?«

Sie klatschte in die Hände. »Meine zwei Cowboys! Was für eine seltsam kleine Welt das ist.« Sie trat an die beiden heran, schnappte sie sich von hinten, drückte sie und lehnte sich nah zwischen ihre Köpfe. »Der Theo ist aber kein Cowboy, oder? Bei meiner Glückssträhne …«

Quentin lachte. »Nein, ein waschechter Weiberheld, den bisher Keine halten konnte.«

Sie lachte auf und klopfte beiden auf die Schultern. »Damit komme ich zurecht.«

»Ihr kennt euch?«, fragte Joachim und zog eine Augenbraue hoch.

Roswitha warf sich in die Brust. »Wie der Zufall so will, ist es mein Verdienst, dass die beiden jetzt so ein glückliches Paar sind. Ihr seid doch glücklich, nicht?« Sie kniff beiden in die Wange.

»Ja, sind wir«, erwiderte Quentin und klang gleich wieder entspannter.

Ein Glück, dass Roswitha da war, um den Tag zu retten. Ihr Mundwerk saß so locker, dass sie keine Probleme damit hätte, Joachim in seine Schranken zu weisen.

Sie tippelte um den Tisch herum und setzte sich Nick gegenüber. Und begann die Kaffeeflecken mit einer Serviette aufzutupfen. Nick tat es ihr gleich. Ein Glück, dass der Kuchen noch nicht auf dem Tisch gestanden hatte.

»Ich habe den Nick und den Quentin diesen Sommer im Urlaub kennengelernt. Das waren zwei herrliche Wochen in Spanien.« Sie fächelte sich mit der Serviette Luft zu. »Hach, wunderschöne Erinnerungen. Ihr habt nicht zufällig noch mal was von Damián gehört? Die Mädels schwärmen immer noch so von ihm.«

Nick grinste. Natürlich würde sie nach ihm fragen. »In der Tat haben wir ihn und Alexis erst gestern getroffen. Die beiden haben sich verlobt.«

Sie seufzte. »Ach Gott, das wird Wiltrud schwer treffen.«

»Sie wird darüber hinwegkommen.«

Marlies sah sie etwas irritiert aber neugierig an. »Von der Geschichte würde ich gerne mehr erfahren. Du hattest ja gar nicht erzählt, dass du dieses Jahr im Urlaub warst.«

»Ich hab nicht dran gedacht. Es war auch sehr kurzfristig.«

Joachim hob eine Augenbraue, fixierte Nick, dem gleich der Schweiß ausbrach.

»Eigentlich sollte Nicks Großmutter mitkommen, nicht?«, plapperte Roswitha an Nicks Stelle los. »Aber einen Tag vorher ist ihr etwas dazwischen gekommen. Und da hat er spontan den Quentin eingeladen, weil er schon ein Auge auf ihn geworfen hatte.« Sie zwinkerte Nick zu.

Er lächelte gequält. Ihr Mundwerk hatte auch seine Nachteile.

Joachim warf Quentin einen verdrießlichen Blick zu. »Du hast dich also einladen und aushalten lassen. Wie so ein Schmarotzer! Ich dachte, ich hätte dich besser erzogen.«

»Ts, ts, ts«, machte Roswitha und warf Joachim einen finsteren Blick zu. »Ich hoffe, Jungchen, dir ist bewusst, dass du gerade ein schlechteres Bild von dir zeichnest, als von deinem Sohn.«

Am liebsten hätte Nick laut aufgejubelt. Ein Hoch darauf, dass Roswitha kein Blatt vor den Mund nahm und genau das sagte, was Nick die ganze Zeit dachte.

Theo fing an zu lachen. »Du bist so gut darin, die nackte Wahrheit zu sagen.« Er sah Roswitha liebevoll an und warf dann einen scharfen Blick zu Joachim. »Du warst schon immer viel zu hart zu dem Jungen. Dabei wissen wir doch beide, woran das liegt.«

Joachim verzog das Gesicht und jetzt sah er wie ein kleiner Junge aus. »Und das wäre?«

»Du bist eifersüchtig, weil er sich getraut hat, sein Leben einfach so zu leben, wie er es will, statt es sich vorschreiben zu lassen. Du bist doch nach der Wehrpflicht nur beim Bund geblieben bist, weil es der einfachste Weg war, nicht das, was du wolltest.«

Joachim schnaubte. »Weiß er denn, was er will?«

»Nein«, sagte Quentin leise. »Na ja, ich weiß, dass ich mit Nick zusammensein will. Und vielleicht wäre Hausmann gar nicht so übel, wenn wir irgendwann Kinder haben.«

Nick unterdrückte ein Quietschen. Sie hatten nie konkret über Zukunftsträume gesprochen, weil er wusste, dass das nichts für Quentin war, aber irgendwann wollte er schon gerne eine Familie gründen. Und Quentin wollte das auch.

»Aber momentan«, fuhr Quentin fort, »gefällt es mir ganz gut, in den Tag hinein zu leben, auch wenn es nicht so sicher ist, wie einen festen Job zu haben. Es gibt so viele Dinge, die ich gerne tun würde. Vielleicht find ich auch noch etwas, bei dem ich denke, ja, das mache ich den Rest meines Lebens, aber das habe ich halt noch nicht gefunden. So lange probier ich mich einfach weiter aus. Und ich bin glücklich so, wie es jetzt ist. Es würde mir viel bedeuten, wenn ihr das respektieren könntet oder zumindest akzeptieren.« Er biss sich auf die Unterlippe. »Dann würde ich euch vielleicht auch mehr über mich erzählen. Weil ich dann nicht mehr das Gefühl hätte, dass ihr auf mich herabblickt und mich dafür verurteilt, nicht so leben zu wollen wie ihr.«

Joachim sah ihn an, mahlte mit dem Kiefer. »Vielleicht hat Theo recht. Schlussendlich ist es dein Leben. Ich mach mir nur Sorgen.«

»Das brauchst du nicht. Ich kann auf mich aufpassen.«

Roswitha prustete. »Dann sollte ich vermutlich nichts mehr aus dem Urlaub erzählen.«

Joachim setzte sich vor Kopf an den Tisch. »Jetzt bin ich tatsächlich neugierig.«

* * *

Irgendwie war der Nachmittag nicht so beschissen geendet, wie er angefangen hatte. Und das verdankte Quentin seiner neuen Großtante-in-spe Roswitha.

Seine Großeltern waren noch zu ihnen gestoßen, und Nick hatte damit punkten können, sich mit alten Leuten weitaus besser auszukennen, als Quentin das tat. Er war stolz darauf, wie Nick die Situation meisterte, und das ganze Weihnachtsfest war nur eine halb so große Qual wie gewöhnlich.

Trotzdem war er dankbar, als alle sich gegen 21 Uhr verabschiedeten und er und Nick Müdigkeit vortäuschten, um ins Bett zu gehen.

Das Bett in Quentins altem Jugendzimmer war eine Handbreit kleiner als das, in dem sie in Spanien geschlafen hatten. Quentin schmiegte sich von hinten eng an Nick, küsste seinen Nacken. »Das war gar nicht so schlimm, was?«

Nick lachte. »Danach hat es am Anfang nicht ausgesehen, aber Gott sei Dank hat Roswitha uns gerettet.«

»Das hat sie. Es macht mir etwas Angst, dass sie jetzt zur Familie gehört.«

»Aber zumindest bleiben wir so in Kontakt. Ein bisschen habe ich die Golden Girls ja vermisst.«

»Aber nur ein ganz kleines bisschen.« Quentin kaute auf der Unterlippen. »Was mein Vater gesagt hat. Mit dem Geld …«

»Mach dir da keinen Kopf. Ich weiß, dass du nicht mit mir zusammen bist, weil ich Geld habe. Mit der Jacht habe ich auch ein bisschen übertrieben. Es ist ein kleines Segelschiff und vielleicht …« Er holte Atem. »Vielleicht könnten wir im Sommer zusammen segeln fahren.«

»Glaubst du, das ist eine gute Idee?«

»Irgendwann muss ich mich der Angst vorm Meer stellen.«

»Darum geht es nicht. Es ist nur …« Wie sollte er das diplomatisch ausdrücken? »In den zwei Wochen Spanien ist so viel schiefgegangen. Ein  bisschen hab ich Angst, dass wir auf offener See stranden oder schiffbrüchig werden und den Rest unseres Lebens auf einer einsamen Insel verbringen.«

»Ich glaube nicht, dass es in der Nordsee einsame unentdeckte Inseln gibt. Aber ich weiß, was du meinst. Vielleicht würde auch erst mal so ein kleiner Segeltörn auf einem See ausreichen. Ich müsste ohnehin noch mal üben, wie das Ganze überhaupt funktioniert. Das letzte Mal, als ich das gemacht hab, war ich sieben.«

»Das klingt nach einem vernünftigen Plan.« Quentin schmiegte sich enger an ihn. »Ich würde dich auch ohne Haus und Jacht und festen Job lieben, das weißt du, oder?«

»Natürlich weiß ich das. Und …« Er zögerte einen Moment. »Wahrscheinlich ist das jetzt furchtbar voreilig und wir sollten erst mal zusammenziehen, aber …«

»Irgendwann hätte ich gerne zwei Kinder,« unterbrach Quentin ihn. »Oder drei. Aber nicht nur eins, weil Einzelkind zu sein so furchtbar einsam sein kann.«

»Genau das. Dann hast du das ernst gemeint?«

»Ich bin kein großer Planer, aber manchmal träume ich doch, wie unsere Zukunft sein könnte. Immer mehr, je länger wir zusammen sind. Du färbst auf mich ab.«

»Hoffentlich nur im Guten.«

»Das glaube ich. Wobei mir die schlechten Seiten wahrscheinlich gar nicht auffallen würde, weil ich sie an dir auch nicht bemerke«

»Charmeur.«

»Aber das meine ich genau so.«

»Ich könnte Tausende Dinge aufzählen.«

»Aber das wirst du jetzt nicht. Denn jetzt …« Er grinste. »Jetzt sind wir beide erst mal ganz unanständig.«

»Doch nicht in deinem alten Kinderzimmer.«

»Erst recht hier.«

* * *

Beim Frühstück am nächsten Morgen konnte Nick Quentins Eltern nicht in die Augen sehen. Sie hatten in der letzten Nacht versucht, leise zu sein, aber irgendwie bezweifelte Nick, dass es ihnen gelungen war.

Dafür war das Grinsen auf Joachims Lippen viel zu breit gewesen.

Er war froh, als sie sich auf den Rückweg begaben. In der Bahn lehnte er den Kopf an Quentins Schulter. »Ich hoffe, du hattest nichts Großes für heute geplant. Ich bin müde.«

Quentin schnappte nach Luft. »Einmal plane ich etwas und dann so was von dir.«

»Was hattest du denn geplant?«

»Na ja, Sexy Christmas eben. Jetzt wo wir endlich die Chance dafür haben. Wir müssen es doch ausnutzen, das Haus nur für uns zu haben. Auch wenn es jetzt nur noch ein Nachmittag ist.«

Nick kuschelte sich an Quentin. Daran hatte er im Trubel nicht mehr gedacht. »Dann muss ich wohl noch ein bisschen Energie tanken. Das will ich nicht verpassen.«

»Genau, du musst ja auch noch dein Geschenk auspacken. Und damit meine ich nicht mich.«

»Geschenk?« Er versuchte, nicht zu schrill zu klingen. Sie hatten sich darauf geeinigt, sich Weihnachten nichts zu schenken. Nick hatte sich daran gehalten. Quentin offensichtlich nicht.

»Genau, eine Überraschung.«

Nick geriet ins Schwitzen. Vielleicht konnte er am Bahnhof noch schnell etwas kaufen. Falls der Bahnhofsbuchladen überhaupt geöffnet hatte.

»Was siehst du plötzlich so nervös aus?«

»Nichts.«

Quentin grinste. »Du hast kein Überraschungsgeschenk, oder?«

Hitze schoss Nick in die Wangen. »Wir hatten doch gesagt …«

»Keine Sorge. Du bist das einzige Geschenk, das ich brauche. Und es ist keine so große Sache, okay?«

»Okay.« Das beruhigte ihn nur minimal. Da der Bahnhofsbuchhandel geschlossen war, konnte er Quentin kein Buch kaufen, dass der wahrscheinlich gar nicht lesen würde. Vielleicht könnte er als Geschenk etwas Besonderes beim Sexy Christmas machen – leider reichte seine Fantasie nicht aus, um auf irgendeine Idee zu kommen, die sie nicht bereits ausprobiert hatten. Abgesehen von der Sache, die sie ohnehin angehen wollten. Aber das jetzt als Geschenk zu verkaufen, kam ihm doch etwas billig vor.

Er hatte Herzrasen, als sie endlich das Haus erreichten. Zumindest war er jetzt wieder richtig wach. »Okay, erst Geschenk auspacken oder erst Sexy Christmas?«

»Erst das Geschenk, damit wir es vor lauter Sexy Christmas nicht vergessen.« Er lehnte sich vor und küsste Nick auf die Lippen. »Nur einen Moment.« Quentin verschwand kurz im Gästezimmer, kehrte dann mit einem roten Umschlag zurück. »Hier. Frohe Weihnachten.«

Mit zitternden Fingern öffnete Nick den Umschlag. Er überflog das gefaltete Blatt darin, blinzelte mehrmals. »Zwei Wochen Urlaub in Spanien?«

»Gleiche Zeit, gleicher Ort wie dieses Jahr. Und mit großer Wahrscheinlichkeit auch gleicher Busfahrer. Ich habe extra nachgefragt. Ich weiß, wir fahren mit deiner Oma und Willie auch nach Spanien, aber das ist nicht das gleiche, und es ist nicht zu unserem Einjährigen.«

Nick blinzelte die Tränen weg. »Das ist noch fast ein halbes Jahr. Bist du krank?«

»Nein, ich weiß nur, dass wir dann noch zusammen sein werden. Das ist das Einzige, bei dem ich mir sicher bin.«

Stürmisch küsste Nick ihn, zog an seinem Hemd. »Ich weiß, du hast wahrscheinlich geplant, noch das Kostüm anzuziehen, aber ich will dich einfach so auspacken, okay?«

Quentins Antwort war ein ebenso leidenschaftlicher Kuss. Er schob die Hände unter Nicks Pullover.

Dann ging die Haustür.

Quentin und Nick froren in der Bewegung ein.

»Nickilein, Quentin, wir sind ein bisschen früher zurück, ein Vulkanausbruch, könnt ihr euch das vorstellen?«

Einen Moment sahen Nick und Quentin sich gequält lächelnd an, dann strichen sie ihr Kleider wieder zurecht.

Quentin klopfte ihm auf die Schulter. »Sexy Christmas muss wohl bis zum nächsten Jahr warten. Irgendeine höhere Macht will wohl verhindert, dass du in meinem Arsch kommst.«

Hitze schoss Nick in die Wangen. »Quentin!« Er rieb sich über das Gesicht. »In Spanien gibt es Bescherung erst am 6. Januar. Vielleicht können wir Sexy Christmas dann nachholen.«

Verschmitzt kräuselte Quentin die Lippen. »Das klingt doch nach einem Plan.« Er lehnte sich vor und küsste Nick. »Aber für dich würde ich auch bis zum nächsten Weihnachten warten.«

Nick grinste. »Fordere dein Schicksal nicht heraus.«

Aber wenn Nick sich einer Sache sicher war, dann, dass sie nächstes Weihnachten immer noch glücklich waren. Und dass sie nicht bis dahin warten würden.